dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Die Verwandlung der Welt - Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts

von: Jürgen Osterhammel

Verlag C.H.Beck, 2010

ISBN: 9783406615016 , 1568 Seiten

5. Auflage

Format: ePUB, PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX,Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 19,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

Für Firmen: Nutzung über Internet freigegeben

Derzeit können über den Shop maximal 500 Exemplare bestellt werden. Benötigen Sie mehr Exemplare, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.


Mehr zum Inhalt

Die Verwandlung der Welt - Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts


 

|   Einleitung


Alle Geschichte neigt dazu, Weltgeschichte zu sein. Soziologische Theorien der Weltgesellschaft sagen uns, die Welt sei die «Umwelt aller Umwelten», der letzte mögliche Kontext allen historischen Geschehens und seiner Darstellung. Die Tendenz zur Überschreitung des Örtlichen nimmt im langfristigen Verlauf der historischen Entwicklung zu. Eine Weltgeschichte des Neolithikums könnte noch nicht von intensiven Fernkontakten berichten, eine solche des 20. Jahrhunderts findet die Grundtatsache eines dicht gesponnenen planetarischen Netzes von Verbindungen bereits vor, eines «human web», wie John R. und William H. McNeill es genannt haben, oder besser noch: einer Vielzahl solcher Netze.1

Weltgeschichte wird dann für den Historiker besonders gut legitimierbar, wenn sie an das Bewusstsein der Menschen in der Vergangenheit anschließen kann. Selbst heute, im Zeitalter von Satellitenkommunikation und Internet, leben Milliarden in engen, lokalen Verhältnissen, denen sie weder real noch mental entkommen können. Nur privilegierte Minderheiten denken und agieren «global». Doch schon im 19. Jahrhundert, oft und mit Recht als das Jahrhundert des Nationalismus und der Nationalstaaten bezeichnet, entdecken nicht erst heutige Historiker, auf der Suche nach frühen Spuren von «Globalisierung», Handlungszusammenhänge der Überschreitung: transnational, transkontinental, transkulturell. Bereits vielen Zeitgenossen erschienen erweiterte Horizonte des Denkens und Handelns als eine besondere Signatur ihrer Epoche. Angehörige europäischer und asiatischer Mittel- und Unterschichten richteten Blicke und Hoffnungen auf gelobte Länder in weiter Ferne. Viele Millionen scheuten Fahrten ins Ungewisse nicht. Staatsführer und Militärs lernten in Kategorien von «Weltpolitik» zu denken. Das erste wahre Welt-Reich der Geschichte, das nun auch Australien und Neuseeland umfasste, entstand: das British Empire. Andere Imperien maßen sich ehrgeizig am britischen Muster. Handel und Finanzen verdichteten sich noch stärker als in den Jahrhunderten der frühen Neuzeit zu einem integrierten Weltsystem. Um 1910 wurden wirtschaftliche Veränderungen in Johannesburg, Buenos Aires oder Tokyo unverzüglich in Hamburg, London oder New York registriert. Wissenschaftler sammelten Informationen und Objekte in aller Welt; sie studierten die Sprachen, Bräuche und Religionen entlegenster Völker. Die Kritiker der herrschenden Weltordnung begannen sich ebenfalls auf internationaler Ebene – oft weit über Europa hinaus – zu organisieren: Arbeiter, Frauen, Friedensaktivisten, Anti-Rassisten, Gegner des Kolonialismus. Das 19. Jahrhundert reflektierte seine eigene werdende Globalität.

Jede andere Geschichte als Weltgeschichte ist für jüngere Epochen – und gerade für das 19. Jahrhundert – nichts als ein Notbehelf. Mit solchen Notbehelfen hat sich freilich die Geschichtsschreibung zur Wissenschaft gebildet; Wissenschaft nach den Maßstäben einer überprüfbaren Rationalität ihrer Verfahren ist sie durch das intensive und im Rahmen des Machbaren erschöpfende Studium von Quellen geworden. Dies geschah im 19. Jahrhundert, und deshalb überrascht es nicht, dass Weltgeschichtsschreibung in eben dieser Epoche in den Hintergrund trat. Sie schien mit dem neuen professionellen Selbstverständnis der Historiker nicht vereinbar zu sein. Wenn sich das heute zu ändern beginnt, dann bedeutet dies keineswegs, dass alle Historiker Welthistoriker werden wollen oder werden sollten.2 Geschichtswissenschaft verlangt das intensive, in die Tiefe bohrende Studium umgrenzbarer Fälle. Das Ergebnis solchen Studiums wird immer wieder den Stoff für umfassende Synthesen bilden. Der übliche Rahmen für solche Synthesen ist, jedenfalls für die Neuzeit, die Geschichte einer einzelnen Nation oder eines Nationalstaates, vielleicht auch eines ganzen Kontinents, etwa Europas. Weltgeschichte bleibt eine Minderheitsperspektive, aber eine, die sich nicht länger als abseitig oder unseriös beiseite schieben lässt. Die fundamentalen Fragen sind freilich auf allen räumlichen und logischen Ebenen dieselben: «Wie verbindet der Historiker in der Interpretation eines einzelnen historischen Phänomens die quellenmäßig vorgegebene Individualität mit dem allgemeinen, abstrakten Wissen, das erst die Interpretation des Einzelnen möglich macht, und wie gelangt der Historiker zu empirisch gesicherten Aussagen über größere Einheiten und Prozesse der Geschichte?»3

Die Professionalisierung der Geschichtswissenschaft, hinter die man nicht zurückgehen kann, hat dazu geführt, dass «Big History» den Sozialwissenschaften überlassen wurde. Für die großen Fragen der historischen Entwicklung wurden jene Soziologen und Politologen zuständig, die sich ein Interesse für die Tiefe der Zeit und die Weite des Raumes bewahrten. Historiker schrecken von ihrem gelernten Habitus her vor kühnen Verallgemeinerungen, griffigen Universalformeln und monokausalen Erklärungen zurück. Unter dem Einfluss postmodernen Denkens halten es einige von ihnen für prinzipiell unmöglich, «Meistererzählungen» oder Interpretationen langfristiger Prozesse zu entwerfen. Dennoch: Weltgeschichte zu schreiben ist auch ein Versuch, dem Spezialistentum der kleinteilig arbeitenden Fachhistorie ein wenig öffentliche Deutungskompetenz abzuringen. Weltgeschichte ist eine Möglichkeit der Geschichtsschreibung, ein Register, das gelegentlich ausprobiert werden sollte. Das Risiko liegt beim Autor, nicht beim Publikum, das von einer wachsamen Kritik vor leichtsinnigen Zumutungen und Scharlatanerie geschützt wird. Dennoch bleibt die Frage, warum Weltgeschichte aus einer Hand? Warum begnügt man sich nicht mit den vielbändigen Kollektivprodukten aus der «gelehrten Fabrik» (Ernst Troeltsch)? Die Antwort ist einfach: Nur eine zentrale Organisation von Fragestellungen und Gesichtspunkten, von Stoffen und Interpretationen kann den konstruktiven Erfordernissen von Weltgeschichtsschreibung gerecht werden.

Die wichtigste Eigenschaft des Weltgeschichtsschreibers ist nicht seine Allwissenheit. Niemand verfügt über genügend Kenntnisse, um die Korrektheit jedes Details zu gewährleisten, allen Regionen der Welt die gleiche Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und aus jedem von zahllosen Forschungsständen den jeweils bestmöglichen zusammenfassenden Schluss zu ziehen. Die wichtigsten Eigenschaften des Weltgeschichtsschreibers sind zwei andere: Auf der einen Seite braucht er ein Gespür für Proportionen, für Größenverhältnisse, für Kraftfelder und Beeinflussungen, einen Sinn auch für das Typische und Repräsentative. Auf der anderen Seite muss er sich ein demütiges Abhängigkeitsverhältnis zur Forschung bewahren. Der Geschichtsschreiber, der vorübergehend in die Rolle des Welthistorikers schlüpft (er sollte immer auch Experte für etwas Spezielles bleiben), kommt nicht umhin, die mühselige und zeitraubende Forschungsarbeit Anderer, sofern sie ihm sprachlich zugänglich ist, in wenigen Sätzen «auf den Punkt zu bringen». Dies ist seine eigentliche Aufgabe, und es sollte ihm so oft wie möglich gelingen. Zugleich wäre seine Arbeit wertlos, würde er sich nicht um eine möglichst große Nähe zur besten Forschung bemühen, die nicht unbedingt stets die neueste zu sein hat. Lächerlich ist eine Weltgeschichtsschreibung, die mit dem Gestus pontifikalen Besserwissens längst widerlegte Legenden unwissend und unkritisch wiederholt. Als Synthese von Synthesen würde sie sich selbst missverstehen, als «the story of everything»4 wäre sie langweilig und grobschlächtig.

Dieses Buch ist ein Epochenportrait. Es praktiziert Darstellungsweisen, wie sie grundsätzlich auch bei anderen Zeitaltern verwendet werden könnten. Ohne den vermessenen Ehrgeiz, ein Jahrhundert Weltgeschichte vollständig und enzyklopädisch abhandeln zu wollen, versteht es sich als ein materialsattes Interpretationsangebot. Diese Haltung teilt es mit Sir Christopher Baylys Die Geburt der modernen Welt («The Birth of the Modern World»), einem 2004 im Original, zwei Jahre später in deutscher Übersetzung erschienenen, zu Recht hochgelobten Buch, einem der wenigen Beispiele gelungener weltgeschichtlicher Synthese aus dem Bereich der späten Neuzeit.5 Mein Buch ist kein Anti-Bayly, sondern eine Alternative aus verwandtem Geist – so wie es mehr als eine Deutung des Deutschen Kaiserreiches oder der Weimarer Republik geben kann. Beide Darstellungen verzichten auf eine regionale Gliederung nach Nationen, Zivilisationen oder kontinentalen Großräumen. Beide halten Kolonialismus und Imperialismus für so wichtig, dass sie dafür keine besonderen Kapitel vorsehen, sondern diese Dimension ständig mit bedenken. Beide setzen auch keinen scharfen Gegensatz zwischen dem voraus, was Bayly in seinem englischen Untertitel «global connections and comparisons» nennt.6 Beziehungsanalyse und Vergleich können und müssen geschmeidig miteinander kombiniert werden, und nicht alle Vergleiche bedürfen der vollen Absicherung durch die strenge historische Methodenlehre. Das kontrollierte...