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Die dreifache sokratische Wende (S. 25-27)
Wir alle kennen die Kopernikanische Wende. Aber schon lange vor Kopernikus hat Sokrates eine entscheidende, dreifache Wende im Denken der Menschen herbeigeführt, eine Wende, ohne die wir heute wahrscheinlich in einer völlig anderen Welt leben würden.
Zum einen hat Sokrates, wie Cicero später diagnostizierte, die Philosophie »vom Himmel auf die Erde geholt«. Die meisten Philosophen vor Sokrates befassten sich mit buchstäblich kosmischen Fragen. Sie interessierten sich vor allem für das Universum und die Frage, wie alles entstanden ist und woraus sich alles zusammensetzt. Sokrates’ Überlegungen hatten einen radikal anderen Schwerpunkt.
Entgegen den Trends seiner Zeit machte er den Menschen zum Fokus seiner Forschungen. Dabei war er pragmatisch. Es interessierte ihn weniger, wo der Mensch herkam. Sein grundsätzliches Interesse galt der Frage: Was stellt ein gelungenes Leben dar und wie können wir dieses erreichen? Sokrates Hinwendung zum Menschen kann uns wesentliche Anhaltspunkte für eine neue, zukunftsgerechte Menschenführung in einer Zeit bieten, in der der Mitarbeiter mit seinem Wissen und seiner Kreativität in den Mittelpunkt des Managementinteresses rückt.
Diese Hinwendung zu Fragen des echten menschlichen Erfolgs brachte eine noch überraschendere Wende in Sokrates’ Denken mit sich. Statt sein vorgebliches Wissen mit allen Mitteln zu verteidigen, begann Sokrates, sich auf sein Nichtwissen zu konzentrieren. Was wusste er wirklich sicher? Was wusste überhaupt jemand genau? Als er mit dieser Frage an seine Mitbürger herantrat, erlebte er eine große Überraschung: Auf fasst alle wichtigen Fragen des menschlichen Lebens wussten weder er selbst noch seine angeblich hochkompetenten Gesprächspartner eine überzeugende Antwort.
Also machte Sokrates es sich zu seiner Lebensaufgabe, Scheinwissen zu entlarven und Nichtwissen aufzudecken. Auch unsere heutige Welt ist von umfassendem Nichtwissen geplagt. Je mehr wir über die Zusammenhänge komplexer Systeme lernen, desto deutlicher wird, dass wir kaum in der Lage sind, Entwicklungen in unserer globalen Wirtschaftswelt mit ausreichender Sicherheit vorherzusehen. Gerade ein geschärftes Bewusstsein für solche Lücken in unserem Verständnis kann uns dabei helfen, produktiver an die ständigen Entscheidungen heran zugehen, die wir bei aller Unsicherheit kontinuierlich fällen müssen.
Die dritte Wende in Sokrates’ Denken, neben der Hinwendung zum Menschen und zum Nichtwissen, war seine Überzeugung, dass das Ziel des menschlichen Handelns neu definiert werden muss. Es geht nicht um vorübergehende kurzfristige Erfolge, sondern um eine tiefgreifende Orientierung auf das, was Sokrates das Gute nannte. Zu einem geglückten Leben gehört ein unablässiges Streben nach dem, was nicht nur temporär angenehm und hilfreich ist, sondern nach dem, was langfristig und ganzheitlich zum Guten führt.
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