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5. Die pornographische Besessenheit (S. 246-247)
»[D]ie pornographische Besessenheit läßt sich nur allzu leicht auf eine von der Tat auf den Ritus übertragene Todesabwehr zurückführen, man fickt gleichsam gegen die Gefahr der Selbsterkenntnis an.« Georg Seeßlen: Der pornographische Film.
Abschließend möchte ich die Ergebnisse der einzelnen Kapitel noch einmal zusammenfassen und engführen. Im ersten Kapitel habe ich gezeigt, dass Foucault – und (mit ihm) die sich an ihn anschließende Forschungsliteratur – den entscheidenden Unterschied zwischen Wille zum Wissen und Pornographie übersieht: Nämlich die Tatsache, dass die Pornographie primär erregen, der Wille zum Wissen hingegen primär wissen will. Zwar produziert der Wille zum Wissen auch Lust – doch diese Produktion ist ein unliebsamer Nebeneffekt, der durch entsprechende Maßnahmen umgehend korrigiert werden muss. Diese unterschiedlichen Primärzwecke manifestieren sich sowohl auf der Darstellungsebene als auch in der jeweils differierenden performativen Kraft:
In der Pornographie kippen die Körper im Dienste der Erregung notwendig ins Utopische – und genau aufgrund dieses Umkippens konstituiert sich die performative Kraft der Erregung. Genauer: Die pornographische Darstellung erregt, weil sie durch einen unüberwindbaren Riss von der Wirklichkeit getrennt ist. Der Wille zum Wissen dagegen schreibt sich in die Körper ein – denn seine Primärintention ist es, über das Wissen funktionsfähige Gesellschaftskörper zu konstruieren. Während also der Wille zum Wissen das regulative Ideal der körperlichen Norm an den gottlosen Himmel hängt, propagiert die Pornographie die Utopie der Lustmaschine. Im zweiten Kapitel habe ich den Marquis de Sade als den berühmt-berüchtigten ›Pornosophen‹ der Moderne vorgestellt. Denn für Sade ist die sexuelle Erregung nicht nur der Primärzweck seines pornographischen Schreibens, sondern sie ist gleichzeitig der Mittelpunkt seiner radikalmaterialistischen Philosophie: Wenn das Metaphysisch-Göttliche als unhinter fragter Existenzgrund ein für alle Mal ausgedient hat, so lautet Sades These, dann kann der Mensch sich nur durch seinen Körper – und das heißt: durch die sexuelle Erregung – in der Welt halten. Genauer: Der Mensch muss seiner natürlichen Zerstörungslust freien Lauf lassen, denn die Materie kann nur durch widerstreitende, heterogene Kräfte in unaufhörlicher Bewegung bleiben. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieser radikale Immanenzanspruch als eine schleichende Wiedereinführung des Transzendenten: Denn in dem Augenblick, in dem die (vermeintliche) Natur des Menschen zum normativen Ideal stilisiert wird, kommt das Göttliche mit umgekehrtem Vorzeichen wieder ins Spiel – und genau aufgrund dieser prekären Spannung zwischen Immanenz und Transzendenz kippt der vermeintlich natürliche Triebkörper um in eine sich bis in alle Ewigkeit selbst ankurbelnde Lustmaschine. Genauer: An die Stelle von Gott ist das universale Prinzip der Zerstörungslust getreten – ein Prinzip, das für ewiggleiche dramaturgische Kurven innerhalb der Orgien sorgt und den libertinen Triebkörper, ihn jeglicher Endlichkeit enthebend, zur göttlichen Lustmaschine stilisiert.
Im dritten Kapitel bin ich der Dynamik dieser göttlichen Lustmaschine näher auf den Grund gegangen, indem ich die Bewegungsstruktur des Sadeschen Triebsubjekts in Beziehung zu jener des Hegelschen Transzendentalsubjekts gesetzt habe – denn sowohl Sade als auch Hegel haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Subjekt ohne göttliche Hilfe in Gang zu halten. Dabei hat sich gezeigt, dass in beiden Subjektmodellen der Tod bzw. die Todesangst eine zentrale Funktion übernimmt. Während diese Angst das Transzendentalsubjekt auf die Bahn der Entwicklung katapultiert, reizt sie das Triebsubjekt im Gegenteil zu immer neuen Überschreitungen.
Genauer: Während die Angst das Transzendentalsubjekt in die Dynamik der wechselseitigen Anerkennung treibt, verführt sie den Libertin gerade zur lustvollen Negation des Anderen. Diese Negation vollzieht sich in unendlichen kreisförmigen Wiederholungen, nämlich in den andauernden, vollkommen risikolosen Unterwerfungen von Opfern, die in der Regel mit deren Tod enden. Diese sich in einer Endlosschleife wiederholenden Unterwerfungen haben den Zweck, dem Libertin die größtmögliche Lust auf Erden zuteil werden zu lassen – nämlich den postorgasmischen, spannungslosen Zustand des so genannten ›kleinen Todes‹.
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