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Damit gutes Leben einfacher wird - Perspektiven einer Suffizienzpolitik

von: Uwe Schneidewind, Angelika Zahrnt

oekom verlag, 2013

ISBN: 9783865815668 , 176 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: frei

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Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

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Mehr zum Inhalt

Damit gutes Leben einfacher wird - Perspektiven einer Suffizienzpolitik


 

Einleitung
Warum gutes Leben ein politisches Thema ist


»Gutes Leben« – auf den ersten Blick scheint das etwas zu sein, was uns nur individuell, nur persönlich angeht. Denn am Ende kann und sollte jede und jeder für sich entscheiden, was für sie oder für ihn besonders wichtig im Leben ist, was sie oder er konsumieren möchte, mit wem sie oder er zusammen leben will oder nach welchen Zielen der oder die Einzelne strebt.
Es ist die große Errungenschaft freiheitlich-demokratischer Gesellschaften, dass sie die Individualität und Vielfalt von Lebensentwürfen in Toleranz möglich macht. Und zu Recht reagieren diejenigen sensibel, die diese Freiheit bedroht sehen. Der Ruf nach politischer Rahmung unserer individuellen Lebensgestaltung wird als eine solche Gefahr gesehen. Schnell werden dann Begriffe bemüht wie »Zwangsstaat«, »Ökodiktatur« oder »neuer Sozialismus«.
Ein näherer Blick zeigt, dass die Gegensätze zwischen Staat und Freiheit nicht so eindeutig sind, wie sie gerne gezeichnet werden: auf der einen Seite der nach individueller Entfaltung strebende Bürger, auf der anderen Seite der intervenierende Staat, der diese Entfaltung behindert. Ein solcher Blick verkennt die eigentliche Bedeutung von Staat und Politik.
Politik zielt darauf, das Zusammenleben von Menschen in einer allgemein verbindlichen Form zu regeln. Eine gute Politik sorgt dafür, dass die Entfaltung von individueller Lebensführung möglich wird, ohne die Lebensentwürfe anderer einzuschränken. Eine gute Politik schafft Möglichkeitsräume für gutes Leben.
Wie schnell Möglichkeitsräume für die einen zur Beschränkung für die anderen werden können, wird zum Beispiel in der Verkehrspolitik deutlich: Autogerechte Innenstädte mit breit ausgebauten Straßen sowie auf den Autoverkehr ausgelegte Ampelschaltungen sind hilfreich für Autofahrer, in aller Regel aber behindernd für diejenigen, die sich mit dem Fahrrad oder zu Fuß in der Stadt bewegen wollen. Politik muss hier einen Ausgleich schaffen. Gute Politik schafft die Grundlage dafür, dass sich eine möglichst große Zahl individueller Lebensentwürfe entfalten kann.
Und hier beschleicht uns seit einiger Zeit ein Unbehagen: »Schneller«, »globaler«, »mehr«, »kommerzialisierter« – das waren die Entwicklungslinien der letzten Jahrzehnte. Sie wurden durch eine Wirtschaftspolitik ermöglicht, die auf freien Handel und die Marktliberalisierung möglichst vieler Gesellschaftsbereiche gesetzt hat. Dies hat uns einen bisher nicht gekannten materiellen Wohlstand und eine ungeahnte Produkt- und Dienstleistungsvielfalt gebracht.
Gleichzeitig fühlen wir uns von der damit ausgelösten Dynamik oft bedrängt: immer flexiblere Arbeitszeiten, Mengen kaum noch zu bewältigender Mails, eine unüberschaubare Produktvielfalt in Lebensmittelregalen. Immer deutlicher wird, dass ein gutes Leben auch Räume für ein »Langsamer«, »Näher«, »Weniger« und »Persönlicher« benötigt. Genau das verbirgt sich hinter der Idee der Suffizienz – dazu mehr im folgenden Abschnitt.
Gutes Leben benötigt Raum für neue Gleichgewichte. Dies erfordert eine Politik, die unterschiedlichen Lebensentwürfen in globaler Verantwortung eine Entfaltungschance gibt. Darauf zielt die Idee einer »Suffizienzpolitik«.

Was sich hinter »Suffizienz« verbirgt – auf dem Weg zum ganzen Leben


Der Begriff der »Suffizienz« hat seine Wurzeln im lateinischen »sufficere«, was so viel wie »ausreichen« bedeutet. Es geht bei der Suffizienz um die Frage nach dem rechten Maß. Es geht darum, soviel zu haben, wie es die eigenen Bedürfnisse erfordern – und dabei nicht nur materielle Bedürfnisse im Blick zu haben.
Wolfgang Sachs hat den Begriff der Suffizienz Anfang der 1990er-Jahre in die deutsche Diskussion um Nachhaltigkeit eingeführt. Er hat sie mit der Idee der »vier E« – von Entschleunigung, Entflechtung, Entrümpelung und Entkommerzialisierung – umschrieben. Diese »vier E« tauchen später im vorliegenden Buch als Orientierungsmaße für eine Suffizienzpolitik wieder auf.
»Langsamer, weniger, besser, schöner« – so rahmte Hans Glauber, der Initiator der »Toblacher Gespräche«, die Idee der Suffizienz. Es handelt sich bei Suffizienz um eine Qualität des »In-der-Welt-Seins«. Sich im richtigen Verhältnis zu Zeit und Raum, Besitz und Markt zu befinden. Solange sich die Menschheit im Wesentlichen durch Naturgewalten und -gefahren, durch Armut und Hunger getrieben sah, schuf technologischer und ökonomischer Fortschritt Freiheit und Emanzipation von diesen Zwängen. Dadurch entstanden neue Qualitäten menschlicher Existenz, dadurch wurden Zivilisation und Kultur erst möglich.
Doch immer stärker wird die Menschheit durch die negativen ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgen dieses einst erfolgreichen Fortschrittsprogramms eingeholt. Orientierung an Suffizienz steht daher für die Wiedergewinnung von Gleichgewichten. Dabei geht es nicht um die Ablehnung der beeindruckenden Produktivitätsfortschritte der Vergangenheit, sondern um ein neues Miteinander von produktivem Fortschritt und Genügsamkeit.
Der Ökonom Tomáš Sédlácek macht in seinem Buch »Die Ökonomie von Gut und Böse« deutlich, woran die moderne wirtschaftswissenschaftliche Analyse krankt: Als Menschen können wir immer wieder eine unendliche Zahl neuer Bedarfe entwickeln. Diese treffen auf eine begrenzte Welt – begrenzt durch limitierte Produktionsfaktoren, aber auch endliche natürliche Ressourcen. Moderne Ökonomie lehrt uns nun, wie wir immer mehr aus den begrenzten Ressourcen herausholen können. Sie setzt ganz auf Effizienz, um die Produktivität zu steigern und damit das Angebot zur Befriedigung der unbegrenzten Bedarfe zu erhöhen. Hier haben wir in der Tat gewaltige Fortschritte gemacht: Es ist unglaublich, auf welche Gütermengen und Dienstleistungen die moderne Menschheit zurückgreifen kann. Aber gleichzeitig handelt es sich um ein Hase-und-Igel-Rennen, an dem sich immer mehr Menschen beteiligen. Denn die Befriedigung bestehender Bedarfe weckt die menschliche Fantasie nach neuen. Das Rennen ist nicht zu gewinnen – doch ruinieren wir dabei unsere natürlichen Lebensgrundlagen, wenn wir weiterhin so wirtschaften wie bisher.
Umso wichtiger ist es für eine vollständige ökonomische Betrachtung auch auf die Seite der Bedarfe zu schauen: Gelungenes menschliches Leben besteht gerade darin, nicht jedem Bedarf hinterherzulaufen, nicht Getriebene(r) im Räderwerk sich ständig erweiternder Begierden zu sein.
Bewusst auf etwas verzichten zu können, auf Dinge warten zu können, sich am Bestehenden zu erfreuen und die Beziehung zum Existierenden zu pflegen – statt immer nach Neuem zu verlangen. All dies sind Tugenden, die ein gelungenes menschliches Leben ausmachen. Suffizienz und Effizienz gehören untrennbar zusammen. Dessen sollte sich auch die ökonomische Theoriebildung wieder besinnen.
Der Jenaer Soziologie Hartmut Rosa unterstreicht in diesem Zusammenhang die Bedeutung von »Resonanzerfahrungen«: Sich in Beziehung zur Welt, zur Natur und insbesondere zu anderen Menschen zu erfahren, ist ein fundamentales Moment guten Lebens. Moderne Gesellschaften in ihrer Beschleunigung, ihrer Menge an Reizen und ihrer Vermarktlichung vieler Lebensbereiche machen solche Resonanzerfahrungen immer schwerer. Besonders deutlich wird dies in der sterilen Atmosphäre von Einkaufszentren, Flughäfen und vielen Fußgängerzonen großer Städte. Oft entwurzelt aus Raum und Zeit und austauschbar im Shop- und Warenangebot entsteht in einer solchen Atmosphäre kaum noch eine authentische Bindung zur Um- und Mitwelt. Suffizienzpolitik ist daher eine Politik, die die Bedingungen für Resonanzerfahrungen verbessern und ein gutes Leben erleichtern soll.

Warum es Suffizienz auch gesellschaftlich braucht – Politik für Nachhaltigkeit jenseits der Effizienzrevolution


Doch nicht nur individuell spielt Suffizienz für ein gutes Leben eine wichtige Rolle. Auch die globale gesellschaftliche Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung ist ohne Suffizienz nicht zu bewältigen. Nachhaltige Entwicklung steht für eine Entwicklung, die die Bedürfnisse heutiger Generationen befriedigt, ohne künftigen Generationen die Möglichkeiten zu ihrer Bedürfnisbefriedigung zu nehmen. Das Konzept nachhaltiger Entwicklung verbindet seit dem »Brundtland-Bericht« Ende der 1980er-Jahre die Umwelt- mit der Entwicklungsfrage. Es geht um einen gerechten Ausgleich zwischen den Ländern des globalen Nordens und Südens und gleichzeitig den langfristigen Umwelt- und Ressourcenschutz. Beides gelingt kaum. Besonders plastisch zeigt sich das in der Klimafrage: Der Wohlstand der industrialisierten Welt der letzten Jahrzehnte war nur möglich durch den massiven Rückgriff auf fossile Energieträger – Kohle, Öl und Gas. Der enorme Anstieg der CO2-Emissionen in der Atmosphäre geht daher auf das Wirtschaften dieser Länder zurück. Jeder Amerikaner stößt rund 20 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr aus, ein Deutscher rund zehn, ein Inder oder Afrikaner hingegen gerade mal eine Tonne.
Die ökologischen Folgen des erheblichen Anstiegs von Treibhausgasen treffen aber in der Regel die ärmsten Staaten, die sich nicht schützen können: Zunehmende Extremwetterereignisse wie Wirbelstürme, Hochwasser oder Dürren belasten Länder wie Bangladesch, Vietnam oder Haiti – Länder, die kaum einen Anteil am CO2-Anstieg hatten.
Gleichzeitig pochen die ärmeren Staaten auf ihr legitimes Recht auf eine vergleichbare ökonomische Entwicklung wie die Industriestaaten. Viele Schwellenländer, allen voran China, haben hier in der Vergangenheit eindrucksvoll aufgeholt – auch bei den damit verbundenen CO2-Emissionen....