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Frühgriechische Bilder und die Entstehung der Klassik
Die sogenannte Primitive Kunst übt eine eigenartige Faszination auf jeden aus, der sich einmal eingehender mit ihr beschäftigt. Ganze Künstlergenerationen haben sich mit ihr auseinandergesetzt und versucht, den besonderen Ausdruck dieser Bilder zu treffen. Eine schwer zu beschreibende Mischung aus dem Empfinden von Fremdheit und elementarem Verstehen führte angesichts dieser Bilder zu Verlusttheorien und der Sehnsucht nach dem »unverdorbenen Auge«. Auf der Basis neuerer theoretischer Ansätze, etwa der Kognitionswissenschaften, nähert sich der Archäologe Cornelis Bol frühen Darstellungsformen am Beispiel frühgriechischer Bilder.
Er erschließt sowohl unsere Affinität als auch unsere Distanz zu den frühen Darstellungsweisen, indem er sie anthropologisch verankert und mit den dem modernen Betrachter entgegenkommenden perspektivischen Bildsystemen durch eine kontinuierliche Entwicklung verbunden sein läßt. Ganz im Sinne der neuen Bildwissenschaften nimmt Bol die Bilder in ihrem Beitrag zu gesellschaftlichen Verhältnissen und kollektiven kognitiven Strukturen wahr und sieht sie nicht wie noch in der früheren »Geistesgeschichte« allein als Symptom des kognitiven Wandels an. Demnach durchlaufen Gesellschaften ebenso wie jeder einzelne Mensch eine kognitive Entwicklung, deren Ausgangslage und Richtung in einen anthropologischen Rahmen eingebunden ist. Bilder haben an diesem Prozeß einen entscheidenden Anteil. Die vorperspektivischen Bildsysteme stehen mit einer kognitiven Struktur in Verbindung, die bei jedem Einzelnen und jedem Kollektiv entweder etabliert ist oder einmal ausgebildet wurde. Daher die Anziehungskraft, die von solchen Bildern ausgeht. Die perspektivischen Bildsysteme gehen aus einer kollektiven kognitiven Aufbauleistung hervor, die Grundlage auch des modernen Wirklichkeitserlebens ist. Daher erscheinen sie uns schlichtweg realistischer.
Cornelis Bol, geboren in Freiburg im Breisgau, absolvierte sowohl ein Studium der Wirtschaftswissenschaften als auch der klassischen Archäologie. Seine Dissertation zu dem Thema »Frühgriechische Bilder, Kognition und Wirklichkeit« ist die Grundlage für das vorliegende Buch und wurde 1998 von der Fakultät für Orientalistik und Alter-tumswissenschaften der Rupprecht-Karls-Universität Heidelberg angenommen. Im Anschluß an die Promotion bot sich ihm die Gelegenheit zum Kennenlernen vergleichbarer Forschungsansätze in Frankreich durch ein Postdoktorandenstipendium des DAAD. Nach dem anschließenden Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts und des Auswärtigen Amts nahm er eine Beschäftigung in der freien Wirtschaft auf. Gegenwärtig ist er assoziiertes Mitglied im Graduiertenkolleg »Bild, Körper, Medium« der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.
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