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4 Schemata als Grundlage emotionaler Konflikte ( S. 73)
4.1 Schemata
Wir alle kennen von uns selbst oder von Mitmenschen typische Verhaltensweisen, die angesichts bestimmter Situationen immer wieder in der gleichen Art und Weise auftreten. So kann ein Mensch auf eine alltägliche Streitigkeit spontan mit einer tiefen Angst vor dem Verlassenwerden, mit angstvollen Gedanken und einem Rückzug reagieren. Kennen wir diesen Menschen besser, dann können wir in ähnlichen Situationen die gleiche Reaktion immer wieder bei ihm beobachten.
Oder wir bemerken bei uns selbst, dass wir auf eine Ablehnung eines Wunsches schnell ärgerlich, aggressiv und abweisend reagieren. Und wir bemerken hierbei, dass wir gar nicht genau wissen, warum wir so empfinden und handeln. Uns ist der gesamte Ablauf bzw. die Gründe unserer Reaktion wenig bewusst. Dieser gewissermaßen schematische Ablauf komplexer emotionaler, kognitiver und behavioraler Prozesse erklärt sich aus den lerngeschichtlichen Erfahrungen des Menschen.
Nehmen wir das Beispiel des Menschen, der sich bei kleinen Streitigkeiten sofort zurückzieht. Vielleicht war die Reaktion seiner Umwelt auf sein Bedürfnis nach Kontakt und Akzeptanz in seiner Kindheit und Jugend von Zurückweisungen, Enttäuschungen und Verlassenheitserlebnissen geprägt. Er hat gelernt, dass Beziehungen mit anderen Menschen für ihn gefährlich sind und reagiert deshalb bereits bei den kleinsten Anzeichen einer Beziehungsstörung mit dem oben genannten emotionalen, kognitiven und behavioralen Muster. Durch dieses Muster bzw. Schema schafft es dieser Mensch, die von ihm befürchtete Zurückweisung bzw. Enttäuschung durch andere Menschen gar nicht erst erleben zu müssen, da er wie bei einer drohenden Gefahr eine weitere Entwicklung der Situation beendet.
Die Fähigkeit zum Lernen gehört zu den wichtigsten Eigenschaften von Lebewesen und kann auf sehr unterschiedlichen Komplexitätsstufen stattfinden. Der Mensch macht seine prägenden Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich, und sein adaptives und sinnvolles Leben hängt wesentlich von der Gestaltung seines sozialen Umfelds bzw. seiner Reaktionen auf dieses Umfeld ab. Die Entwicklung eines Schemas als Ergebnis von wichtigen Erfahrungen dient dazu, sich in zukünftigen ähnlichen Situationen schneller adaptiv zu verhalten.
Zu einem adaptiven Verhalten gehört auch, dass keine zeitaufwändigen kognitiven Prozesse aktiviert werden müssen (die eine hilfreiche Reaktion verzögern würden), um die Situation zu evaluieren. Außerdem sollte der Mensch lernen, entsprechende Situationen im Voraus zu identifizieren und diese zu vermeiden bzw. frühzeitig zu beeinflussen, damit er nicht wieder die gleiche Erfahrung machen muss. Schemata sind insofern gespeicherte Lernerfahrungen in Form von automatischen Bewertungs- und Verhaltensweisen, die bestimmte unangenehme oder bedrohliche Erlebnisse verhindern sollen.
Für die emotionsbezogene therapeutische Arbeit ist die Kenntnis des Schema- Konzeptes von entscheidender Bedeutung. Der Begriff „Schema" wurde und wird von verschiedenen Psychotherapie-Forschern und -Theoretikern in unterschiedlichen Definitionen und Zusammenhängen verwendet. Allgemein formuliert, versteht man unter einem Schema eine vorgeformte emotional-kognitiv-behaviorale Reaktionsweise auf bestimmte Stimuli, die durch wichtige Lernerfahrungen in der Kindheit und Jugend Bedeutung erhalten haben.
Komponenten eines Schemas
?œ ein schemarelevanter Stimulus
?œ ein Grundbedürfnis
?œ Erinnerungen an frühere Situationen
?œ eine erinnerungsbasierte Bewertung des Stimulus
?œ eine kognitive und behaviorale Handlungskomponente
Ein Schema dient demnach der Komplexitätsreduktion, da ein Mensch bedürfnisrelevante Situationen sofort in deren Bedeutung für sein individuelles Leben vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen einordnen kann (Leventhal 1984, Otaley 1992, Pascual-Leone 1991).
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