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Christliche Umweltethik - Eine Einführung

Christliche Umweltethik - Eine Einführung

von: Bernhard Irrgang

Ernst Reinhardt Verlag, 1992

ISBN: 9783825216719, 352 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 19,90 EUR

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Christliche Umweltethik - Eine Einführung


 

6. Christliche Anthropozentrik (S. 173-174)

Im dritten Abschnitt wurde deutlich, daß für eine Umweltethik die Grundhaltung der Anthropozentrik methodisch unverzichtbar und unhintergehbar ist. Die exegetischen Untersuchungen ergaben zudem, daß die schöpfungstheologischen Aussagen der Bibel mit nur kleinen Einschränkungen anthropozentrisch sind. Es könnte bei diesem Befund leicht der Eindruck entstehen, daß weitere Bemühungen zur Klärung des Begriffs Anthropozentrik im Rahmen einer christlichen Umweltethik überflüssig seien.

Doch dies wäre sehr kurzschlüssig, denn eine klare Bestimmung oder Definition von Anthropozentrik und Anthropozentrismus hatte die Rekonstruktion der Diskussionslage in der theologischen und philosophischen Umweltethik bislang nicht ergeben. Wie die exegetischen Überlegungen vermochten sie allerdings als Arbeitshypothese plausibel zu machen, daß zwar Anthropozentrik für eine christliche Umweltethik unverzichtbar ist, aber vom Egoismus und Anthropozentrismus abgegrenzt werden muß. Daher bedarf es weiterer inhaltlicher Klärungen des Anthropozentrik-Begriffes, um christliche Umweltethik in all ihren Dimensionen verstehen zu können.

Um in der Begriffsklärung weiter voranzukommen, sind systematische und problemgeschichtliche Analysen erforderlich. Der gegenwärtige Streit um "christliche Anthropozentrik", auf der sich keine "Ethik der Natur" begründen lasse,1 entzündet sich zum einen an systematischen Überlegungen, die das Verhältnis Mensch-Natur-Technik betreffen. Zum anderen ist weder begriffsgeschichtlich noch sachlich eindeutig geklärt, was der Anthropozentrismusvorwurf genau beinhaltet und wie er von anderen Formen der Anthropozentrik abgegrenzt werden könnte. Zur weiteren Analyse möchte ich an die Unterscheidung der Ebenen Moral, Ethos und Ethik anknüpfen und den Begriff der Ethik differenzieren.

Ethik läßt sich in zweifacher Weise verstehen. Zum einen bezeichnet der Begriff Ethik Formen des Nachdenkens über verschiedene Ethosgestalten. Meine Untersuchung bewegte sich bislang vorwiegend auf dieser Ebene. Zweitens kann Ethik als Metaethik betrieben werden. Dann ist sie systematische Reflexion auf Voraussetzungen und Bedingungen der Möglichkeit von Ethik. Letzere Form der Ethik wird nun in den Vordergrund rücken. Denn auch wenn christliches Ethos - neutestamentlich begründet - unhintergehbar anthropozentrisch in dem Sinne ist, daß für jede christliche Ethik der glaubende und handelnde Mensch im Zentrum steht, könnte von Vertretern einer radikalen ökologischen Ethik der Einwand erhoben werden, daß das christliche Ethos eben angesichts der Umwelt-Krise verworfen werden müsse, wenn es anthropozentrisch sei.

Vorausgesetzt, dies ist eine sittliche Forderung, so ruft sie metaethische Überlegungen auf den Plan. Sie müssen überprüfen, ob die Forderung, Anthropozentrik aus der Umweltethik zu eliminieren, methodisch konsistent ist. Denn wenn sie in sich widersprüchlich sein sollte, müßte sie vom Meta-Ethiker zurückgewiesen werden. Es ist metaethisch gesehen nicht akzeptabel, sittlich motiviert zu fordern, Sittlichkeit und Ethik abzuschaffen oder ihr die Argumentationsbasis zu entziehen. Ich vermute nun aufgrund meiner Ausführungen im dritten Abschnitt mit einiger Sicherheit, daß diese Forderung in sich nicht konsistent ist, möchte aber die erneute Behandlung der Fragestellung unter problemgeschichtlicher Rücksicht dazu nutzen, den Begriffsgehalt des Wortes Anthropozentrik abzuklären.

Auf der Ebene der Metaethik als wissenschaftstheoretische Analyse der Voraussetzungen von Ethik und sittlich verpflichtender Argumentation schlage ich nun als heuristischen Leitfaden zur begrifflichen Klärung des Problemfeldes ein Klassifikationsschema vor, das materiale und methodische Anthropozentrik sowie Anthropozentrik als Ethosform unterscheidet. Die Argumentationsebene materialer Anthropozentrik umfaßt eine Reihe inhaltlicher Vorstellungen etwa der Art, daß der Mensch im Zentrum des Universums steht, die Krone der Schöpfung ist, modern gesprochen die unüberbietbare Spitze der Evolution darstellt und darum Verfügungsmacht über die Natur besitzt bzw. diese auch ausnutzen darf. Anthropozentrik als Ethosform impliziert, daß der Mensch im sittlichen Handeln als Mensch und Person auf sich selbst in einer bestimmten Grundhaltung, Lebensform oder