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Fallen Angels - Die Versuchung - Fallen Angels 5

von: J. R. Ward

Heyne, 2014

ISBN: 9783641128234 , 560 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 11,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Fallen Angels - Die Versuchung - Fallen Angels 5


 

Eins

»Okay … wo bin ich jetzt? Wo bin ich … wo …«

Cait Douglass beugte sich tief über das Lenkrad ihres kleinen Lexus Geländewagens, als würde das ihre Chancen erhöhen, den Friseursalon zu finden.

Wie bei einem Tennismatch wanderte ihr Blick zwischen der Straße vor ihr und der Reihe nobler Geschäfte linker Hand hin und her. Dann schüttelte sie den Kopf. »Die eigentliche Frage ist doch, was zum Teufel ich hier überhaupt mache.«

Inmitten dieser Luxusboutiquen fühlte sie sich vollkommen fehl am Platz. Französische Bettwäsche. Italienische Schuhe. Englische Schreibwaren. Offensichtlich war dieser Teil von Caldwell, New York, nicht nur sehr mondän, sondern es konnten sich dort auch Geschäfte der Marke Edel, Schick & Teuer halten.

Puh.

Könnte sich lohnen, das irgendwann mal genauer unter die Lupe zu nehmen – einfach nur, um zu sehen, wie die oberen Zehntausend so lebten. Aber dafür blieb heute keine Zeit. Sie war spät dran, und außerdem hatte jetzt um halb acht Uhr abends ohnehin schon alles geschlossen. Logisch. Vermutlich saßen die Reichen um diese Zeit in ihren Esszimmern zwischen allerlei Kristall und taten, was auch immer Bruce Wayne eben so tat, wenn er sein Batman-Kostüm ablegte.

Außerdem machte die Umgebung Cait irgendwie nervös. Jawohl, Lektion gelernt: Wenn sie sich das nächste Mal die Haare schneiden lassen wollte, würde sie nicht ihre Cousine, die mit einem Schönheitschirurgen verheiratet war, um einen Tipp bitten.

Cait bremste abrupt ab. »Na, wer sagt’s denn!«

Nachdem sie unerlaubterweise mitten auf der Straße gewendet hatte, stellte sie ihr Auto am Straßenrand neben einer Parkuhr ab, die nicht mit Münzen gefüttert werden wollte, und stieg aus.

»Brrr.« Fröstelnd zog sie den Mantelkragen enger zusammen. Ende April konnte es so weit im Norden immer noch so kalt werden wie an geografisch vernünftigeren Orten im Februar, und wie immer hielt sich der Winter tapfer – als wäre er ein Übernachtungsgast, der kein anderes Zuhause hat.

»Ich muss weiter in den Süden ziehen. Nach Georgia … oder Florida.« Vielleicht würde ein Ortswechsel den Höhepunkt ihres Jahres der Neuanfänge darstellen. »Oder noch besser Tahiti.«

Der Friseursalon stach als einziges immer noch geöffnetes Geschäft der Ladenzeile heraus, denn er war taghell erleuchtet – und doch schien sich niemand darin zu befinden. Als Cait durch die Glastür eintrat, wurde sie von einer Wolke süßlichen Parfüms mit leichter Chemikaliennote empfangen, und die schräge, pulsierende Musik war auch nicht wirklich ihr Ding.

Puh, nobel. Alles aus schwarzem und weißem Marmor, das gute Dutzend Frisierplätze war picobello, und die Waschbeckenreihe mit den nach hinten kippbaren Liberace-Style-Ledersesseln erinnerte an eine Lounge zum Powernappen in der Mittagspause. An den Wänden hingen überlebensgroße Porträtfotos von Models in coolen Posen, und der Fußboden glänzte wie ein Spiegel.

Auf dem Weg zum Empfangstisch gaben die Gummisohlen ihrer bequemen Treter ein lautes Quietschen von sich – als würde sich der Carrara-Marmor beschweren.

»Hallo?«

Sie rieb sich die Nase, die immer noch von der Kälte kribbelte. Konnte sie jetzt, verflixt noch mal, einfach niesen oder das Kitzeln Ruhe geben?

Jede Menge Spiegel überall steigerten Caits Unbehagen noch. Sie hatte sich nie gerne selbst betrachtet – nicht etwa, weil sie hässlich wäre oder so, sondern weil Eitelkeit dort, wo sie herkam, verpönt war.

Gott sei Dank lebten ihre Eltern im Westen der USA, wenn sie nicht gerade auf Reisen waren. So gab es keinen Grund, weshalb sie je erfahren mussten, dass ihre Tochter einen derartigen Schickimickiladen betreten hatte.

»Hallo?« Sie wagte sich ein Stück weiter vor, wobei ihr Blick auf die Arbeitsinsel in der Mitte fiel, wo offensichtlich die Haarfarben angerührt wurden. So viele Tuben mit Blond-, Brünett- und Rotschattierungen … außerdem welche, die eher an einen Malkasten erinnerten. Blaue Haare? Rosa?

Vielleicht sollte sie das Ganze doch abblasen.

Der Typ, der nun aus den hinteren Räumen auftauchte, war so schmal wie ein Schatten, und seine zahnstocherdürren Beine schienen hauptsächlich durch die wie angeschweißt sitzende Jeans aufrecht gehalten zu werden.

»Sind-e Sie-e die Cait Douglass?«, fragte er mit einem Akzent, den Cait weder einordnen noch richtig verstehen konnte.

»Äh, ja, die bin ich.«

Nun kniff er seine ungewöhnlich dunklen Augen zusammen und nahm ihre Haare ins Visier wie ein Arzt, der einen Rheumapatienten mustert – und obwohl er kaum wie ein Serienmörder aussah, weckte irgendetwas an ihm in Cait den Wunsch, auf der Stelle kehrtzumachen und aus dem Salon zu stürmen. Das Bedürfnis abzuhauen war wie ein Juckreiz, und diesmal hatte es nichts mit dem ultrachristlichen Wertesystem ihrer Familie zu tun.

»Mein e-Stuhl ist der da drüben-e«, verkündete er.

Zumindest glaubte sie, dass er das gesagt hatte – ja, tatsächlich, er zeigte auf einen der Frisierplätze.

Jetzt oder nie, dachte Cait und ließ noch einmal den Blick umherschweifen, in der Hoffnung, sich von irgendwo Mut holen zu können. Aber da war niemand sonst, und die psychedelische Elektromusik brachte ihr Gehirn ins Trudeln. Noch schlimmer, statt von den Fotos an den Wänden inspiriert zu werden, drängte sich ihr der Gedanke auf, dass die Menschen das, was auf ihren Köpfen wuchs, wirklich nicht so ernst nehmen sollten.

Halt, das war wieder die Stimme ihrer Mutter.

»Ja, vielen Dank«, sagte sie daher mit einem Nicken.

Auf sein Zeichen hin ließ sie sich in einen extrem bequemen Ledersessel sinken und wurde sogleich Richtung Spiegel herumgewirbelt. Automatisch senkte Cait den Blick. Dann zuckte sie erschrocken zusammen, als der Stylist seine überraschend starken Finger in ihrem Haar vergrub.

»Und, was denken Sie?«, fragte er. Was in etwa so klang: Ond-e, was tenken e-Sie?

Das hier ist gar keine gute Idee, tachte sie.

Cait zwang sich dazu, ihr Spiegelbild zu betrachten. Immer noch dieselben dunkelbraunen Haare. Dieselben blauen Augen. Dieselben fein geschnittenen Züge. Das Make-up auf ihrer blassen Haut war nach wie vor ungewohnt, aber wenigstens gab es ihr inzwischen nicht mehr das Gefühl, aufgebrezelt zu sein wie eine Kardashian. Auch ihr Körper war anders: Acht Monate hartes Training im Fitnessstudio hatten sich zwar nicht unbedingt auf der Waage bemerkbar gemacht, aber an ihren Kleidern spürte sie deutlich, dass sie schlanker und straffer geworden war. Mit der knallroten Handtasche auf ihrem Schoß hätte sie sich noch vor einem Jahr niemals blicken lassen.

Der Rest war natürlich immer noch grau und schwarz, denn die Klamotten hatten schon vor ihrem Jahr der Veränderungen im Kleiderschrank gehangen. Dafür gaben ihr die aufwendig lackierten Fingernägel das Gefühl … nun ja, einfach anders zu sein als früher.

»Ahlsoooo?«, hakte der Stylist nach, der inzwischen ihren Stuhl umrundet hatte und am Spiegel lehnte.

Wie er so mit verschränkten Armen und gesenktem Kinn dastand, erinnerte er sie irgendwie an jemanden, aber sie konnte nicht sagen, an wen.

Cait fuhr sich durch die Haare, wie er es zuvor getan hatte, in der Hoffnung, es würde sich dadurch eine Idee in ihrem Kopf formen. »Ich weiß auch nicht. Was meinen Sie denn?«

Als er die Lippen spitzte, stellte sie fest, dass er Lipgloss trug. »Plohnt.«

Plohnt? Was um alles in der Welt? »Meinen Sie blond?«

Als er nickte, gelang es Cait gerade noch, ihre spontane Reaktion halbwegs zu unterdrücken. Rote Accessoires waren eine Sache, Lady Gaga eine andere. Sie war bereit, mal einen Zeh ins kalte Friseursalonwasser zu tauchen, aber sie wollte ja nicht gleich darin untergehen.

»So was Extremes hatte ich eigentlich nicht im Sinn.«

Er streckte die Hand aus und wühlte wieder mit den Fingern in ihren Locken. »Nein, e-sanftes Plohnt – mit tunklen e-Akzenten.«

Tunkle e-Akzente? Wollte er seine seltsame Sprechweise auf ihre Haare übertragen?

»Ich weiß nicht mal, was das ist.«

»Vertrauen Sie e-mir.«

Cait begegnete wieder ihrem Blick im Spiegel und musste auf einmal an ihren Kleiderschrank denken, in dem alles nach Kategorien geordnet war. Sie hatte ihre Blusen, Hosen, Röcke und Kleider zudem nach Farben sortiert, aber es gab nun mal nur eine begrenzte Anzahl an Grauschattierungen.

Das Bild von einer blonden Perücke auf ihrem Kopf weckte sofort wieder den Fluchtinstinkt, aber gleichzeitig hatte sie ihr Mausbraun satt.

Man lebt nur einmal, sagte sie sich. Sie wurde nicht jünger. Und auch nicht schöner. Außerdem konnte einem niemand garantieren, dass es überhaupt ein Morgen geben würde.

»Plohnt, ja?«, flüsterte sie.

»Plohnt«, erwiderte der Stylist. »Und-e ein paar Stufen e-schneiden wir aaauch gleich. Die Umkleide ist-e da trüben.«

Cait blickte über die Schulter. Da trüben befand sich ein kleiner Flur mit vier Kabinentüren. Vermutlich war egal, welche man wählte. Wenn doch nur alle Entscheidungen so wenige Konsequenzen nach sich zögen.

»In Ordnung«, hörte sie sich selbst sagen.

Sie stand auf und eierte quietschend über den glänzenden Fußboden. Es kam ihr vor,...