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S. 62-63
Als er weg ist, findet sie auf dem Boden ein Härchen, das sich wie ein Violinschlüssel gekringelt hat. Sie sitzt, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Fliesenboden, und betrachtet das feine Gebilde in ihrer Hand, das von einer Kraft bewegt wird, die so schwach ist, dass sie nichts davon spürt, vielleicht von ihrem Atem, ihrem Herzschlag, dem Pulsieren des Blutes unter ihrer Haut. Das Haar ist hellbraun – so wie er. Es regt sich wie ein Knoten, der sich löst, liegt zitternd und bebend auf ihrer Hand. Sie muss daran denken, wie er gezittert hat, als er zum ersten Mal hier erschienen war.
Inzwischen ist es damit fast vorbei. Inzwischen ist er mit dem Haus vertraut – ja, sie sind sogar beide ganz angetan von der Idee, dass das Haus ihn mag –, außerdem ist er mittlerweile mit ihr vertraut und mit der schwarzen Straße, die zu ihr heraufführt. Er kennt sich in den Küchenschränken aus, holt sich selbst ein Glas Wasser, wenn ihm danach ist, und weiß, wie fest er die Wasserhähne zudrehen muss. Er wandert allein durch die Zimmer, und seine anfängliche Scheu ist so gut wie verschwunden. Nur dieses verirrte Härchen zittert noch.
Erst vor ein, zwei Stunden war er in ihr Arbeitszimmer gegangen, um sich ihre Bibliothek anzuschauen. Sie überlegt, ob er wohl noch weiß, dass er von allen Räumen in ihrem Haus zuerst das Arbeitszimmer allein betreten hat. An diesem Nachmittag hat sie ihn – merkwürdig nervös – dabei beobachtet, wie er kommentarlos die Buchrücken inspizierte. Bislang hat er mit seiner Meinung noch nie hinter dem Berg gehalten – wenn ihm etwas nicht passt, äußert er ganz offen Kritik. Und in ihren Regalen stehen wirklich nicht irgendwelche, sondern nur ausgewählte Bücher, da sie nur die behält, die ihr am Herzen liegen, alle übrigen hingegen gnadenlos in den Mülleimer knallt. Hätte er sich verächtlich über einen Titel geäußert, wäre ihre Sympathie für das betreffende Buch gewiss ins Wanken geraten, ein kleiner Todesfall in der so sorgfältig ausgewählten Sammlung.
Aber er hat gar nichts gesagt, lediglich mit der Hand auf einem Buchrücken eine Gravur betastet, dann zur Seite geblickt und ihr zugelächelt.
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