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An der Grenze - Theologische Erkundungen zum Bösen

An der Grenze - Theologische Erkundungen zum Bösen

von: Béatrice Acklin Zimmermann, Barbara Schmitz

Verlag Otto Lembeck, 2007

ISBN: 9783874765268, 256 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC,Mac OSX,Windows PC Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 16,80 EUR

Ersparnis: 3,00 EUR

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An der Grenze - Theologische Erkundungen zum Bösen


 

Barbara Henze
Maria Magdalenas Bekehrung und Buße: Ihre Instrumentalisierung in katholischer Predigt und Hagiographie um die Wende zum 20. Jahrhundert (S. 83-84)

1. Grundsätzliches zur „Sünde" als übergeordnetem Thema

Innerhalb des christlichen Kontextes ist mit „Schuld" und „Sünde" zum Ausdruck gebracht, dass die Grenze zu nicht mehr zu duldendem Verhalten überschritten ist. Ein „sündiges" Verhalten ist zu bereuen und zu ändern. Als eine Person, die Bekehrung und Buße nötig hat, ist im Verlauf der nachbiblischen Geschichte Maria Magdalena gesehen worden. Als „Sünderin" stand sie auf der einen Seite der Schuld-und-Sünde- Grenze, als „Büßerin" auf der anderen. Im Folgenden wird erläutert, wie das Bild von Maria Magdalena um die Wende zum 20. Jahrhundert im Verhältnis zu dieser Grenze aussah.

Die Sicht einer bestimmten Epoche auf die „Sünderin" Maria Magdalena kann sachgerecht beurteilt werden, wenn sie in die Geschichte der Vorstellungen von „Sünde" und „Schuld" in zweitausend Jahren Christentum einzuordnen ist. Eine solche Geschichte gibt es aber nicht, denn entscheidende Fragen sind noch ungelöst. Da es nicht bei dem einen Gebot der Gottes- und Nächstenliebe geblieben ist, das als Zusammenfassung der Zehn Gebote galt (Mt 22,36–40 mit Lev 19,18 und Dtn 6,5) und als oberstes Gebot nötigenfalls andere Gebote, wie z. B. das Sabbatgebot, außer Kraft setzte, muss geklärt werden: Welche Instanz legt(e) fest, welche Gebote zusätzlich zu dem einen Hauptgebot zu befolgen sind? Welche Quellen sind dazu zu konsultieren?

Spricht man von „Sünde", dann handelt es sich um die Übertretung einer gezogenen Grenze besonderer Art, da die Verfehlungen gegenüber der Gesellschaft oder Gemeinschaft ihren tiefer gehenden Grund in einer Verfehlung gegenüber Gott haben. Wer aber kann darüber autoritativ und kompetent entscheiden? Mit der Übertragung der Binde- und Lösegewalt auf die Apostel sehen sich die Bischöfe als diese Instanz. Entsprechend bemühen sie sich, den Christinnen und Christen ihre Sicht der Grenze zwischen „Schuld" und „Nicht-Schuld" zu erläutern. Im „Beichtspiegel" des „Katholischen Gesang- und Gebetbuchs für die Erzdiözese Freiburg" aus dem Jahr 1888 beispielsweise fi nden sich neben den Zehn Geboten noch fünf Gebote der Kirche und „sieben Haupt- oder Todsünden". An jede Sünde werden Stichworte angefügt, die genauer erläutern, was darunter zu verstehen ist.1 „Beichtspiegel" sind also eine ausgezeichnete Quelle für unser Thema.

Für große Zeiträume und unterschiedliche Bistümer ausgewertet worden sind sie bisher nicht. Die Geschichte von „Schuld" und „Sünde" in zweitausend Jahren Christentum zu schreiben, ist also deswegen schwierig, weil die Quellenfrage an der Frage nach der entscheidenden Instanz hängt und umgekehrt. Hinzu kommt, dass man meist erst im Nachhinein feststellt, dass das, was man für Gottes Gebot hielt (dessen Übertretung der strikteste Fall von „Sünde" ist), ein kirchliches oder gar nur ein konventionell- kulturelles war, und deswegen eine „Geschichte der Vorstellungen von Sünde und Schuld im Christentum" redlich nur als Teil einer Kulturgeschichte möglich ist.

Die Vorstellungen von Schuld und Sünde müssen unterschieden werden von den Versuchen, sie zu erklären und durchzusetzen. Auch diese sind nicht zu überblicken. Im Verlauf der Kirchengeschichte haben sich die Möglichkeiten, die Gewissensbildung der Menschen zu beeinfl ussen, sehr verändert. Selbst wenn sie lesen konnten, waren bis weit in die Neuzeit hinein für die meisten Menschen Bücher Luxus. Daher konnten sie nur mündlich oder durch Bilder, vor allem durch Bilder in Kirchen, nach der Erfi ndung des Buchdrucks auch durch Holzschnitte auf Flugblättern, unterwiesen werden. Anders als bei den Bildern, die wir heute noch betrachten können – auch wenn sich deren Kontexte verändert haben, weil sie zum Beispiel in Museen hängen, – können wir das gesprochene Wort nicht mehr selbst hören.