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Jurjen Wiersma
Protestanten aus den Beneluxländern und ihr Beitrag zur kommunalen und kontinentalen Identität (S. 255-256)
Schon seit 50 Jahren ist Europa bzw. die Europäische Union (EU) in einem Prozess der Herstellung oder, wie manche eher sagen würden, der Wiederherstellung. In Folge des Zweiten Weltkriegs waren die Bürger Europas genötigt, den anspruchsvollen Prozess der Wiederherstellung des Kontinents zu wagen. Man kann ohne weiteres sagen, dass die Beneluxstaaten in diesem Prozess der Kontinentbildung eine führende Position einnahmen.
Tatsächlich ist es für die Einwohner der Beneluxstaaten zur zweiten Natur geworden, eine Vorhut zu bilden. Die Beneluxländer (der Begriff ist von den Anfangsbuchstaben ihrer Namen abgeleitet: Belgien, die Niederlande und Luxemburg) bilden die Küstenregion von Nordwesteuropa. Ein großer Teil des Territoriums entlang der Nordseeküste liegt unter dem Meeresspiegel. Der Prinz-Alexander-Polder bei Rotterdam ist der tiefste Punkt und liegt 6,7 m unter NN. Durch die Jahrhunderte hindurch musste das Land immer wieder von den Fluten zurück gewonnen werden. Vor allem in den Niederlanden war die kommunale Identität damit verbunden, dass man aus der Urflut gerettet und in Situationen der Gefahr wasserfest gemacht worden war. Diese Identität war nicht bloß eine heroische Metapher oder eine exemplarische Allegorie, sie war oft eine Lebensart oder besser noch eine Überlebensart. Niederländische Protestanten des 16. Jahrhunderts gingen sogar so weit, sich selbst als erwählte und gesegnete Überlebende der Sintflut zu sehen. Die Gnade des Herrn versetzte sie an einen Ort der Sicherheit. In ihrer Dankbarkeit wiesen sie der Tatsache, dass trockenes Land vom Wasser geschieden war, eine biblische Bedeutung zu. Einer von ihnen, ein Wasserbauingenieur des 16.
Jahrhunderts, sagte in Übereinstimmung mit dem alttestamentlichen Psalm 24: Es ist allein an Gott, neues Land zu schaffen, denn Er gibt einigen Menschen den Verstand und die Kraft dazu.
Inmitten von häufigen Fluten entstand die „nationhood" entlang der Nordseeküste, d.h. in der Region Europas, die wir jetzt Benelux nennen. In dieser Zeit nahmen die Protestanten dieser Region drei Verhaltensnormen an:
1) Historisch ist es unangemessen, ausländischen Tyrannen das zu überlassen, was mühsam dem Meer abgerungen worden ist.
2) Moralisch scheint es, dass diejenigen, durch deren Arbeit das Land geschaffen worden ist, dafür Beifall ernten.
3) Theologisch wurde das Überleben der Flut im Lichte der Schrift als Zeichen göttlicher Beauftragung interpretiert1.
Alles in allem war das Heranwachsen und die Ankunft auf der Bühne der Geschichte für die Niederlande ein hartes Geschäft. Kein Wunder, dass das lateinische Sprichwort luctor et emergo (Ich ringe und komme frei) von der (protestantischen) niederländischen Provinz Zeeland als Motto gewählt wurde. Luctor et emergo ergo sum, um es in Descartes’ Ausdrucksweise zu sagen. Ich ringe und komme frei, darum bin ich, das ist die archetypische Selbsteinschätzung der Protestanten in den Beneluxländern.
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