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Deutsche Forschungsreisende in Angola - Ethnographische Aneignungen

Deutsche Forschungsreisende in Angola - Ethnographische Aneignungen

von: Beatrix Heintze

Verlag Otto Lembeck, 2007

ISBN: 9783874765442, 463 Seiten

Format: PDF

Mac OSX,Windows PC Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 20,00 EUR

Ersparnis: 5,50 EUR

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Deutsche Forschungsreisende in Angola - Ethnographische Aneignungen


 

Kurzbiographien
ADOLF BASTIAN
(S. 105-106)

Adolf Bastian gilt als der Nestor der Ethnologie in Deutschland. Obwohl er auf neun Reisen insgesamt fünfundzwanzig Jahre rund um die Welt unterwegs war und umfassende ethnographische Sammlungen zusammentrug, ist sein Name heute vorrangig nicht mit Feldforschung, sondern mit organisatorischen Anstößen und seinem theoretischen Konzept der Elementar- und Völkergedanken verbunden. Als einer der beiden Gründerväter der Zeitschrift für Ethnologie und (mit Rudolf Virchow) der „Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte" (1869) kommt ihm vor allem das Verdienst zu, dieses Fach als selbständige Wissenschaft in Deutschland etabliert zu haben. Seiner Initiative und jahrelangem Drängen war es schließlich auch zu verdanken, daß 1886 in Berlin das erste deutsche Völkerkundemuseum eröffnet werden konnte. Darüber hinaus wurde er als Vorläufer vieler späterer Ethnologen wie Franz Boas, James Frazer, Richard Thurnwald, Alfred Radcliffe-Brown und sogar Bronislaw Malinowski gesehen, unter anderem aber auch als Vordenker der Tiefenpsychologie, des Kollektiven Unbewußten und besonders des Strukturalismus eines Claude Lévi-Strauss.

Adolf Bastian wurde am 26. Juni 1826 als Sohn eines Kaufmanns in Bremen geboren. Nach zwei juristischen Semestern studierte er Naturwissenschaft und Medizin. 1850 promovierte er in Medizin und brach als Schiffsarzt noch im selben Jahr zu seiner ersten Weltreise auf. Sie führte ihn auf der Rückfahrt im Jahre 1857 auch nach Angola. 1867 habilitierte er sich im Fach Ethnographie an der Universität Berlin. Im Jahr darauf beauftragte man ihn mit der Verwaltung der ethnographischen und prähistorischen Sammlungen des Königlichen Museums. Im selben Jahr wurde er Vorsitzender der „Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin". Seinem unermüdlichen Werben und Einsatz ist es zu verdanken, das schließlich 1873 die Ethnographische Abteilung aus den Preußischen Kunstsammlungen ausgegliedert und zu einem eigenständigen Museum der neuen Fachdisziplin umgebildet wird. Er ist dann auch der erste Direktor dieses Museums.

Noch im selben Jahr gründet er die „Deutsche Gesellschaft zur Erforschung Aequatorial-Africas" (Kurzform „Afrikanische Gesellschaft"), mit der sich die Organisation von deutschen Afrikareisen zu institutionalisieren beginnt. Anlaß und Zweck war die Finanzierung eines von nationaler Euphorie getragenen Expeditionsprojektes, das den Gelehrten dann noch im selben Jahr, auf seiner dritten Reise, an die Loango-Küste führte. Mit der Eröffnung des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin im Jahre 1886 erreicht Bastian den Höhepunkt seines beruflichen Lebens. Nach 1889 wurde „der Museumsdirektor Adolf Bastian die zentrale ‚Anlaufstelle‘ für Personen, die mit einem Aufenthalt in den Kolonien ein im weitesten Sinne wissenschaftliches Interesse verbanden" (Essner 1986: 69). Nach weiteren Jahren ruhelosen Einsatzes für die deutsche Ethnologie zu Hause und auf Reisen starb Adolf Bastian auf seiner neunten Reise am 3. Februar 1905 im Alter von 79 Jahren auf Trinidad. Abgesehen von seinen ethnographischen Sammlungen hinterließ er etwa achtzig meist mehrbändige Monographien, 250 Aufsätze und 350 Besprechungen.

Das meiste davon wurde allerdings schon zu seinen Lebzeiten aufgrund seines Stils als „unlesbar" beiseite geschoben und wenig rezipiert. Erst in jüngerer Zeit begann man sich wieder mit seinen Grundgedanken auseinanderzusetzen. Bastian, der die Ethnologie als psychologische Wissenschaft verstand, hat sein theoretisches Konzept schon früh entwickelt und dann nicht mehr entscheidend geändert. Seine Methode war stark vom naturwissenschaftlich-positivistischen Denken des 19. Jahrhunderts beeinflußt. Größte Bedeutung maß er der Empirie, dem systematischen Sammeln ethnographischer Daten, zu. Anders als viele Ethnologen in späterer Zeit definierte er diese Aufgabe noch in einem umfassenden Sinne gleichermaßen als schriftliche Niederlegung von ethnographischen Informationen und als Sammeln von ethnographischen Objekten. Damit erhob er die Feldforschung richtungsweisend zur wichtigsten Methode des jungen Fachs. „Es gilt die Beschaffung von tatsächlich gediegenem Arbeitsmaterial, um statt mit luftgebackenen Ziegeln (auf imaginären Regionen), mit wohlgefügten Quadern (auf sicherem Fundament) das Wissensgebäude auszubauen, nach exakt-wissenschaftlicher Methode (wie sie als comparativ-genetisch stichhaltig erprobt sich hat)." (Bastian 1903, in Westphal-Hellbusch 1973: 6)

Anhand des so gewonnenen umfangreichen Materials sollten durch systematischen Vergleich die menschliche Kultur- und Entwicklungsgeschichte und die ihr zugrundeliegenden allgemeingültigen Gesetze aufgedeckt werden. Alle Menschen besitzen für Bastian die gleiche psychische Disposition und verfügen folglich über dieselbe Entwicklungsfähigkeit. Sie durchlaufen deshalb überall auf der Erde unabhängig von einander die gleiche gesetzmäßige Entwicklung, die allerdings durch jeweils andere lokale Einflüsse ihre spezifische Ausprägung erhalte. Allen Menschen gemeinsam seien bestimmte kulturelle Phänomene, die er „Elementargedanken" nannte. Diese Elementargedanken, sozusagen die kulturelle Grundausstattung der Menschheit, bildeten sich ihm zufolge im Laufe der Geschichte durch geographisch-historische Anstöße, die in „geographischen Provinzen" wirksam sind, zu einer Vielfalt von „Völkergedanken" aus. In den sogenannten Naturvölkern sieht Bastian die primäre Erscheinungsform der Menschheit.