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II. ÖKUMENISCHE HERAUSFORDERUNGEN (S. 62-63)
Gab es eine ungeteilte Kirche?
Konfessionsbildungen im frühen Christentum von Anne Jensen
Um die Frage beantworten zu können, ob es eine ungeteilte Kirche gab, wäre zuvor die Frage zu klären, seit wann es überhaupt eine Kirche gibt S und diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wie es zunächst scheint. Jesus ist ja als Jude gestorben, und auch seine Anhänger und Anhängerinnen strebten zunächst keinen Bruch mit dem Judentum an. Zweifellos ist die Kirche aus der Anhängerschaft Jesu hervorgegangen, aber er ist nicht der ›Gründer‹ in einem rechtlich und institutionsgeschichtlich fassbaren Sinn. Erst durch den Ausschluss aus der Synagoge (etwa um 100 auf der Synode von Jamnia) wurde die Christenheit zu einer eigenständigen Religion, zu einem Kult, wie man in der Antike sagte. Nicht zu Unrecht galt dieser Kult zunächst als eine Bewegung innerhalb des Judentums, eine hairesis, eine ›Sekte‹. Dies Wort wurde dann später innerhalb des Christentums verwendet, um andere auszugrenzen. Zu Recht oder zu Unrecht? Das sei vorläufig dahingestellt.
1. »Es muss Häresien geben« (1 Kor 11,19)
Zuerst ist darauf hinzuweisen, dass das Wort ›Häresie‹ ursprünglich nicht wie für uns heute den Sinn einer ›Irrlehre‹ hatte, mit der impliziten Unterstellung einer böswilligen und bewussten Irreführung oder Verblendung. Hairesis bezeichnet vielmehr eine bestimmte Gruppe. Luther übersetzt sehr richtig mit Partei S doch dieser Begriff ist für uns von unseren heutigen politischen Vorstellungen besetzt. Im Neuen Testament, in der Apostelgeschichte ist zunächst wertneutral mit Bezug auf das Judentum von der hairesis der Pharisäer und der Sadduzäer die Rede. So werden etwa der Hohepriester und die hairesis der Sadduzäer gegen die Apostel ausgespielt (5,17). Beim Apostelkonzil in Jerusalem fordert die hairesis der (christlichen!) Pharisäer die Beschneidung (15,5). Paulus wird vorgeworfen, er gehöre zur hairesis der Nazarener, doch Paulus bekennt sich als frommer Jude und weist die Anklage der Tempelentweihung zurück, die hairesis sei ein ›Weg‹ (d.h. eine bestimmte Lebenspraxis), ihre Hoffnung auf die Auferstehung der Toten sei die der Väter (24,5). Schließlich ist bei den Juden in Rom von dieser hairesis (der Paulus angehört) bekannt, »dass ihr überall widersprochen wird« (28,22). In anderen Kontexten hat hairesis bereits eine negative Konnotation: ›Parteiungen‹ gehören zu den ›Werken des Fleisches‹ (Gal 5,19f). In einer der spätesten Schriften des Neuen Testaments findet sich dann ein Beispiel typischer Ketzerpolemik, die an den Andersdenkenden kein gutes Haar mehr lässt (2 Petr 2,1ff).
Sicher war in den Anfängen des Christentums die Gefahr der Zersplitterung groß. Wir haben davon mehrere deutliche Zeugnisse in den Apostelbriefen. Besonders detailliert werden die Spannungen im 1. Korintherbrief beschrieben. Gleich nach der Eingangsdoxologie steht am Anfang die Beschwörung: »Es soll keine Spaltungen unter euch geben!« (1,10). Wir haben hier den Begriff schisma, der anders als hairesis von vornherein eine negative Bewertung impliziert, er wird noch zwei weitere Male in diesem Brief benutzt. Im Streit der Korinther ging es um Persönlichkeiten, die in der Verkündigung tätig waren: Paulus, Apollos, Petrus, Christus. Sie sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden, S so Paulus S denn es gehe um das ›eine Evangelium‹. Dies ist das entscheidende Kriterium. Im Kapitel 11 ist von den ›Spaltungen‹ bei der Eucharistiefeier die Rede. Die Gegensätze bei den Gruppen sind hier sozialer Natur: die Armen und die Reichen (anders als in Apg 6, wo der Gegensatz zwischen Hebräern und Griechen die Einheit bedrohte).
In der Auseinandersetzung mit den Spaltungen in Korinth fällt auch der Satz, der gewissermaßen das Motto dieses gesamten Beitrags ist: »Es muss Häresien geben S Oportet et haereses esse.« Der vollständige Satz lautet: »Es muss nämlich auch Häresien unter euch geben, damit die Erprobten unter euch offenbar werden« (dei gar haireseis en hymin einai ana hai dokimoi phaneroi gegôntai en hymin). Bei den Spaltungen handelt es sich also um die Bewährungsprobe des Christentums, das Ziel ist: gemeinsam in würdiger Weise die Eucharistie zu feiern. Offensichtlich hat das Christentum diese Bewährungsprobe nicht bestanden, denn auch nach hundert Jahren ökumenischer Bemühungen (die früherer Jahrhunderte nicht gerechnet), verweigern zahlreiche Kirchen einander immer noch dies Zeichen gegenseitiger Anerkennung, das Zeichen der Gemeinschaft im Wesentlichen.
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