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6 Kant und die Aufklärung (S. 69-71)
Etwas ganz anderes als die logische Form stellen die Inhalte unseres Denkens dar. Sie sind jederzeit und permanent der Entwicklung zugänglich, wie man es im Unternehmen an jedem Tag von neuem erleben kann. Hier können wir uns selbst, um es mit Kant auszudrücken, »aus unserem selbstverschuldeten Schlummer« wecken. Aus diesem Grunde ist Kant auch ein so überzeugter Anhänger der zum Ende des 17. Jahrhunderts einsetzenden Aufklärungsbewegung. »Aufklärung«, definiert Kant, »ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist dies Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, son dern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude!
Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung ... Selbstdenken heißt, den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (das ist in seiner eigenen Vernunft) zu suchen, und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist Aufklärung … Aufgeklärt sein heißt: selbst denken, den obersten Probierstein der Wahrheit meines Urteils, den Grund des Führwahrhaltens (denn ich muss es verantworten) in sich selbst suchen.« Das öffentliche und gesellschaftliche Leben der damaligen Zeit bietet aus Kants Sicht ein trauriges Bild. Überall beobachtet er Unmündigkeit. Die meisten, sagt Kant, glauben das, was ihnen gesagt wird oder was sie in den Büchern finden, ohne selbst einmal gründlich darüber nachzudenken. Es ist ja auch durchaus bequem, unmündig zu sein, denkt Kant.
Doch er setzt dem die Sichtweise des Selbstdenkens und der Selbstverantwortung entgegen: Ich muss mein Urteil selbst verantworten! Die Gesellschaft kann mir das nicht abnehmen! Ich bin für meine Taten und Entscheidungen sowie für alle Folgen, die sich daraus ergeben, stets alleine verantwortlich! In Bezug auf die Selbstverantwortung der eigenen Taten stellt Kants Sichtweise sicherlich ein Non-plus-ultra dar.
Doch die Propagierung des Selbstdenkens ist nicht ohne Probleme. Man schaue sich in diesem Zusammenhang nur einmal die Fülle an absurden Theorien und Weltanschauungen an, die zum Beispiel im Internet im Namen des Selbstdenkens vertreten werden. Das dortige Denken kann sich zwar nicht auf den Kantschen Verstand und auf Kants Vernunft berufen, doch die zunehmenden Möglichkeiten der Propagierung des Selbstdenkens füh- Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Ich muss alle meine Entscheidungen und deren Konsequenzen selbst verantworten. ren mitunter ab vom Weg des reinen Verstandes und der reinen Vernunft.
Damit ist jedoch nicht das letzte Wort gesprochen: Erst die Freiheit des Selbstdenkens, die uns sowohl Recht als auch Pflicht ist, mündet letztlich in die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge, von richtig und falsch. Unser Denken steht unter dem Einfluss seiner Zeit und wandelt sich mit dieser. So wurden die Ausführungen des Kopernikus zum heliozentrischen Weltbild zu seinen Lebzeiten für die Hirngespinste eines Spinners gehalten. Womöglich ein Glück für ihn, ansonsten wäre Kopernikus vielleicht ebenso wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen gestorben wie später Giordano Bruno.
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