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Erziehungsziele - Erziehungsmittel - Erziehungserfolg: Beiträge zu einem System der Erziehungswissenschaft
Die Bildsamkeit der Kinder (S. 43-44)
»Der Grundbegriff der Pädagogik ist die Bildsamkeit des Zöglings«1. Gemeint ist damit die Eigenschaft des Menschen, für Einflüsse von außen empfänglich zu sein und sich durch sie mehr oder weniger stark und dauerhaft bestimmen zu lassen. Andere Ausdrücke dafür sind: Plastizität, Formbarkeit und Beeinflußbarkeit. Damit Erziehung geschehen kann, muß nach HERBART zweierlei vorausgesetzt werden: 1. »die Veränderlichkeit des menschlichen Gemüts« und 2. »die Fähigkeit desselben, zu einer gewissen Stetigkeit und Beharrlichkeit zu gelangen «. Beide Eigenschaften werden unter dem Begriff der Bildsamkeit zusammengefaßt. Er schließt »ein Übergehen von der Unbestimmtheit zur Festigkeit ein«. Darunter fällt auch »die Bestimmbarkeit durch Erziehung«. Nach HERBART ist Bildsamkeit eine »Tatsache «, aber diese Tatsache sei leider noch nicht »erfahrungsmäßig nach ... Gesetzen, Grenzen, Bedingungen, Verschiedenheiten« untersucht worden. Dabei ist es bis ins 20. Jahrhundert geblieben.
Bildsamkeit, Plastizität, Lernfähigkeit
In den letzten Jahrzehnten ist das alte pädagogische Problem der Bildsamkeit unter verschiedenen Namen und in erweiterter Form zu einem zentralen Thema der humanwissenschaftlichen Forschung geworden. Verschiedene Wissenschaften wie Erbbiologie, Vergleichende Verhaltensforschung, Psychologie, Soziologie und Kulturanthropologie kommen darin überein, die staunenswerte seelische Plastizität des Menschen, seine Formbarkeit und Lernfähigkeit zu betonen. Er ist fähig, sich jeder kulturellen Lage anzupassen und innerhalb der großen Variationsbreite möglicher Verhaltensweisen gerade jene auszubilden, die in der Gesellschaft, in die er hineingeboren wird, gebraucht werden. Er steht nicht völlig unter biologischen Gesetzmäßigkeiten. Wachstum und Reifung treiben ihn nicht einfach einem genetisch festgelegten Endzustand zu, sondern sind nur Voraussetzung und Mitbedingung für das Lernen, für den Neuerwerb von Verhaltensbereitschaften und Leistungsfähigkeiten durch Erfahrung. Was im Vergleich mit den höheren Säugetieren als überragende Lernfähigkeit erscheint, ist daher zugleich auch Lernhedürftigkeiv. der Mensch ist in viel größerem Ausmaß auf Lernen, auf Sozialkontakt, Formung, Disziplinierung und Führung angewiesen als man früher vermutet hatte.
Diese vielfach bestätigte Einsicht ist aber vorläufig noch sehr unbestimmt und wirft eine Reihe von Fragen auf. Welcher Grad von Plastizität kommt den verschiedenen psychischen Bereichen zu? Welche Anlagen oder ererbten Dispositionen sind mehr, welche weniger variierbar durch Umwelteinflüsse? Gibt es Phasen gesteigerter Lernfähigkeit, sogenannte »sensible Perioden«? Gibt es »Prägungen«, d. h. nicht mehr auslöschbare Fixierungen im Charaktergefüge? Gibt es typische konstitutionelle Unterschiede im Ausmaß der Plastizität und in der Dauer plastischer Phasen? Wie determinierend sind frühe Kindheitserfahrungen? Wieweit reicht die persönlichkeitsbeeinflussende Kraft von Eltern, Familien und familienergänzenden Kleingruppen? Welches sind die günstigsten Bedingungen für das Lernen der sozialen Fähigkeiten? Welches Mindestmaß an Sozialkontakt ist notwendig, um bestimmte Leistungen hervorzulocken, einmal erworbene Haltungen zu stabilisieren oder durch Umlernen zu verändern?
Jeder Versuch, diese Fragen zu beantworten, stößt auf große methodische Schwierigkeiten. Der Isolierversuch, der in der Tierpsychologie so erfolgreich benutzt worden ist, um angeborene Verhaltensweisen von erlernten abgrenzen zu können8, läßt sich aus ethischen Gründen nicht anwenden. Man darf Kinder nicht experimentellen Bedingungen aussetzen, die sie möglicherweise schädigen könnten. Daher ist es verständlich, daß nach menschlichen Lebensverhältnissen Ausschau gehalten wird, die einer experimentellen Einschränkung des Sozialkontaktes, einer Beraubung fundamentaler Lernmöglichkeiten wenigstens nahekommen. Wo wichtige sozial-kulturelle Faktoren durch ungünstige Umstände vom Einfluß auf Kinder ganz oder zumindest weitgehend ausgeschaltet sind, könnte man beobachten, wie sich deren Verhalten verändert, und daraus auf den Anteil dieser Faktoren am Aufbau der Persönlichkeit schließen.
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