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Metatheorie der Erziehung - Eine Einführung in die Grundlagen der Erziehungswissenschaft, der Philosophie der Erziehung und der Praktischen Pädagogik
Ia. Der nomothetische Aufgabenbereich der Erziehungswissenschaft (S. 111-112)
»Der Erzieher mutet sich den Versuch an,. . . durch richtiges Fragen der Natur . . . dem Gange der vor ihm liegenden Erscheinungen seine Gesetzmäßigkeit abzuforschen, und somit auch zu entdecken, wie sich derselbe nach Absicht und Plan modifizieren lasse«.
FRIEDRICH HERBART (1804)
Wer darüber nachdenkt, wie bestimmte Erziehungsziele verwirklicht werden können, beginnt zwangsläufig nach Gesetzmäßigkeiten zu suchen, die beim erzieherischen Handeln zu berücksichtigen sind. Insofern hat die auf Gesetzeswissen (oder nomologisches Wissen) gerichtete Fragestellung auch in der traditionellen Pädagogik schon immer ihren Platz gehabt. Man ist jedoch bis heute noch kaum über einige mehr oder weniger gut bestätigte Vermutungen hinausgekommen, ohne jeweils genau zu wissen, für welche Typen von Situationen sie zutreffen und für welche nicht. Die traditionelle Pädagogik ist in nomologischer und damit auch in technologischer Hinsicht unbefriedigend geblieben.
Eine Ursache dafür liegt vermutlich in der Tatsache, daß beim Entwurf von Erziehungstheorien die kausalanalytischen Fragen und die zu ihrer Lösung geeigneten wissenschaftlichen Methoden bisher nur unzulänglich beachtet worden sind. Es hat vielfach an Klarheit über die Probleme wie über die möglichen Methoden zu ihrer Lösung gefehlt. Sobald dieser Mangel erkannt und zu beseitigen versucht wird, liegt es nahe, die empirische Erziehungsforschung zu verstärken und von ihr Ergebnisse zu erwarten, die technologisch brauchbar sind.
Unser geringes Wissen über geeignete Mittel zur Verwirklichung von Erziehungszielen hängt jedoch keineswegs nur damit zusammen, daß viele Erziehungstheoretiker von anderen Vorentscheidungen über die Aufgaben ihrer Wissenschaft und damit auch von anderen methodologischen Vorstellungen ausgehen als denen, die in der Wissenschaftslehre der Analytischen Philosophie erarbeitet worden sind. Es sind vor allem die in der Sache selbst liegenden Schwierigkeiten, denen der Rückstand unseres technologischen Wissens über Erziehung zuzuschreiben ist. Auf diese Schwierigkeiten hat schonl852 THEODOR WAITZ aufmerksam gemacht, indem er an » die große Verwickelung der Ursachen« erinnerte, in die durch erzieherisches Handeln eingegriffen wird. »Eine absolut vollständige Erziehungswissenschaft müßte jeden möglicherweise eintretenden Gemütszustand des Zöglings mit allen seinen Ursachen und Folgen genau zu berechnen und die Größe und Art jeder möglichen Einwirkung von Seiten des Erziehers vollkommen zu ermitteln imstande sein«2. Eine Erziehungswissenschaft in diesem Sinne sei völlig unmöglich. WAITZ begründet diese Meinung mit dem Hinweis auf die unüberschaubare Vielzahl sich ständig ändernder Einflüsse, denen die Educanden ausgesetzt sind, wobei »die Folgen vieler, ja bei weitem der meisten Einwirkungen auf den Zögling gar nicht oder doch nicht unmittelbar zu tage kommen«. Selbst in jenen Fällen, in denen Educanden den Zustand erreichen, den ihr Erzieher bezweckt hat, lasse sich nicht sicher beurteilen, »wie viel von dem Erfolge auf Rechnung der Individualität des Erziehers, der Zöglinge und der äußeren Umstände zu schreiben ist«3. Die große Zahl zum Teil unbekannter Faktoren, die am Werden eines bestimmten Zustandes einer Persönlichkeit beteiligt sind, bringe eine »große Unsicherheit in die erfahrungsmäßige Beurteilung der Wirksamkeit jedes Erziehungsmittels «.
Angesichts dieser Schwierigkeiten genügt es nicht, der unbefriedigenden Wirklichkeit der traditionellen Pädagogik das Ideal einer empirischen Erziehungswissenschaft lediglich als vielversprechende Andeutung gegenüberzustellen. Man muß schildern, worin es im einzelnen besteht und wie es verwirklicht werden kann. Man muß sich über die verschiedenen Aufgaben klar werden, die dabei zu lösen sind, und über die Hindernisse, die es dabei gibt.
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