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Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel

Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel

von: Wolfgang Brezinka

Ernst Reinhardt Verlag, 2003

ISBN: 9783497016280, 209 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 29,90 EUR

  • Duden. Wie verfasst man wissenschaftliche Arbeiten? Ein Leitfaden für das Studium und die Promotion
    Lernen zu lernen
    Allgemeine Psychologie - Eine Einführung
    Pädagogisches Grundwissen. Überblick - Kompendium - Studienbuch
    Lehrbuch Entwicklungspsychologie
    Bild / Medien / Wissen
    Für Prüfungen lernen. Strategien zur optimalen Prüfungsvorbereitung
    Erfolgreich Lernen
  • Studienbuch Pädagogische Kommunikation
    Lehrbuch der Medienpsychologie
    Pädagogisches Grundwissen
    Handwörterbuch Philosophie
    Was sind Kulturwissenschaften? 13 Antworten

     

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel


 

Aufstieg und Krise der wissenschaftlichen Pädagogik (S. 126-127)

Am Anfang des 20. Jahrhunderts hat es an den damals drei Universitäten des heutigen Österreich nur eine einzige Lehrkanzel für Pädagogik gegeben: in Wien1. In Deutschland war die Lage ähnlich. Daran hat sich in den folgenden 60 Jahren nicht viel geändert. Dann aber kam der große Sprung nach vorn – zumindest quantitativ. Statt 3 Professuren der Pädagogik im Jahr 1964 gab es im Jahre 1997 an den österreichischen Universitäten 28. Dazu kamen 5 weitere Professuren für Religionspädagogik an Theologischen Fakultäten, 4 für Sportpädagogik und 4 für Wirtschaftspädagogik, also 13 pädagogische Professuren mit den dazugehörigen Mitarbeiterstellen. Das ergibt insgesamt 41 Professuren für Pädagogik und bedeutete gegenüber der Ausgangslage von 1964 eine Vermehrung um das 13fache.

Das sieht üppig aus, muß aber in Relation zur viel größeren Zunahme der Studierenden gesehen werden. Neben die Lehramts-Studierenden (17.766 Personen 1993/94) sind Diplom-Studierende der Pädagogik im Hauptfach getreten. Ihre Zahl ist von 33 Personen im Studienjahr 1959/60 auf 9.539 Studierende (davon 7.820 weibliche) im Wintersemester 1999/2000 gestiegen, also um das 289fache.

In Deutschland verlief der Ausbau des Faches noch gigantischer. So hatte zum Beispiel die Universität Hamburg 1960 nur 4 Professuren, 1978 dagegen 53. Dazu kamen noch 59 Stellen für Wissenschaftliche Räte mit Professorentitel3. Während es dort vorher nur ein einziges Seminar für Pädagogik gegeben hatte, gab es im Jahre 1994 nicht weniger als 10 Institute: für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit 13 Professoren, für Vergleichende Erziehungswissenschaft mit 6 Professoren, für Schulpädagogik mit 9 Professoren, für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Freizeitpädagogik mit 5 Professoren, für Behindertenpädagogik mit 10 Professoren, für Berufsund Wirtschaftspädagogik mit 13 Professoren usw.

Bis in die Sechzigerjahre durfte in Österreich niemand Pädagogik studieren, ohne mindestens noch Philosophie, Psychologie und ein weiteres Fach dazuzunehmen. Inzwischen gibt es seit 1971 ein Diplom-Studium der Pädagogik. Die Nachfrage ist trotz schlechter Berufsaussichten enorm. Es gibt die Möglichkeit zur Promotion und zur Habilitation in Pädagogik, ohne viel anderes studiert zu haben als diese schnell ins Kraut geschossene Wissenschaft samt einem einzigen weiteren Fach.

Die Initiatoren dieser Expansion haben den Eindruck vermittelt, daß die Pädagogik bereits einen riesigen Bestand an solidem Wissen enthält. Obwohl keineswegs alles, was unter dem Namen „Pädagogik" gelehrt wird, wissenschaftlich ist noch je zur Wissenschaft werden kann, hat man das Fach pauschal in „Erziehungswissenschaft" umbenannt. Damit nicht genug ist ohne vernünftigen Grund aus dem Singular ein Plural gemacht worden. So heißen zum Beispiel in Österreich die früheren Universitäts-Institute für Pädagogik oder Erziehungwissenschaft seit 1977 großspurig, aber regierungsamtlich „Institut für Erziehungswissenschaften"5. Damit können nun leichter Fülle, wissenschaftliches Gewicht und Förderungswürdigkeit vorgespiegelt werden.

Der Eindruck von Fülle und Gewicht wird auch durch eine Unmenge von Publikationen vermittelt, durch vielbändige Enzyklopädien in allen Sprachen, durch Hunderte von Fachzeitschriften, durch vielerlei Forschungszentren und Erziehungswissenschaftliche Gesellschaften in aller Welt. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft hatte im Jahre 2000 schon 1.840 Mitglieder.

Allein die (unvollständige) Liste der US-amerikanischen Doktor- Dissertationen aus den Jahren 1989 und 1990 „Research on Education" enthält rund 11.000 Titel.

Quantitativ steht die Pädagogik also heute glänzend da. Sie hat institutionell in knapp 20 Jahren einen Aufstieg erlebt, der die kühnsten Erwartungen ihrer älteren Vertreter an den Universitäten weit übertroffen hat. Fragt man jedoch kritisch nach der Qualität ihrer Produkte – seien es pädagogische Texte oder das erzieherische Können der Absolventen pädagogischer Studiengänge –, fragt man nach der Zufriedenheit der Abnehmer mit diesen Produkten und nach dem Ansehen oder der „Außenakzeptanz"8 des Faches, dann zeigt sich ein ganz anderes Bild: Zersplitterung statt Blüte, Lebensfremdheit statt Wirklichkeitsnähe, nebuloser Imponierjargon statt klarer Begriffe, theoretische Armut statt Erkenntnisgewinn, viel Bluff und wenig Substanz, Krisenbewußtsein statt berechtigter Stolz auf das Erreichte.