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Erziehung - Kunst des Möglichen - Beiträge zur Kritik der Pädagogik

Erziehung - Kunst des Möglichen - Beiträge zur Kritik der Pädagogik

von: Wolfgang Brezinka

Ernst Reinhardt Verlag, 1998

ISBN: 9783497011414, 266 Seiten

3. Auflage

Format: PDF

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's

Preis: 16,90 EUR

  • Duden. Wie verfasst man wissenschaftliche Arbeiten? Ein Leitfaden für das Studium und die Promotion
    Lernen zu lernen
    Allgemeine Psychologie - Eine Einführung
    Pädagogisches Grundwissen. Überblick - Kompendium - Studienbuch
    Lehrbuch Entwicklungspsychologie
    Bild / Medien / Wissen
    Für Prüfungen lernen. Strategien zur optimalen Prüfungsvorbereitung
    Erfolgreich Lernen
  • Studienbuch Pädagogische Kommunikation
    Lehrbuch der Medienpsychologie
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    Handwörterbuch Philosophie
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Erziehung - Kunst des Möglichen - Beiträge zur Kritik der Pädagogik


 

Die Bildung des Erziehers (S. 30-31)

Es fehlt heute nicht an Äußerungen über die Aufgaben der Erzieher. Man ist schnell bereit, mit immer neuen und größeren Forderungen an sie heranzutreten. Je mehr die gute Sitte im öffentlichen Leben gefährdet ist, desto drängender wird der Ruf nach verstärktem Einsatz der Berufserzieher. Wer kritisch denkt, wird nicht ohne weiteres in ihn einstimmen können. Es ist niemandem gedient, wenn man pädagogischen Wunschträumen nachhängt, statt mit der wirklichen Situation zu rechnen und mit den begrenzten Möglichkeiten, die es darin gibt. Die Kräfte des Erziehers sind nicht unerschöpflich, er ist in vieler Hinsicht gefährdet. Wieviel er letztlich leisten kann, hängt davon ab, ob es ihm gelingt, die rechte Lebensfreude und Zufriedenheit im Beruf zu finden. Gebildet sein bedeutet unter anderem auch, die Hindernisse, die es dabei gibt, zu kennen und fähig zu sein, sie zu überwinden.

Ich werde das Thema in vier Abschnitten behandeln: die Wandlung des Bildungsbegriffes, die Situation der Erzieher in der Gegenwart, die Berufsgefahren des Lehrers, die Möglichkeiten der Selbstbildung.

Die Wandlung des Bildungsbegriffes

»Bildung« gehört zu jenen abgenutzten Worten, die von jedermann gebraucht werden und doch nur unklare und einander widersprechende Vorstellungen auslösen über das, was gemeint ist. Wie alle deutschen Wörter mit der Endung -ung bedeutet auch »Bildung« sowohl einen Vorgang als auch das Ergebnis dieses Vorgangs. Es bedeutet also »bilden « wie »Gebildetheit«, d. h. den Zustand, der als Ergebnis des Bildungsvorganges erreicht wird oder erreicht werden soll. Daß das gleiche Wort in zwei verschiedenen Bedeutungen gebraucht wird, ist von jeher Ursache für viele Mißverständnisse gewesen. Schon seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts wird im Sprachgebrauch des Alltags — unbekümmert um die komplizierte Wortgeschichte1 - mit »Bildung« in erster Linie ein Zustand gemeint: entweder das Ideal eines Zustandes, dem der Mensch sich nähern soll, oder die Realität des Zustandes, den ein als »gebildet« bezeichneter Mensch zu einem gegebenen Zeitpunkt tatsächlich erreicht hat. Dabei setzte sich die zuletzt genannte Bedeutung in ihrer gröbsten Form gegenüber allen anderen durch: »Bildung« erschien als etwas, was man haben oder nicht haben kann, als ein gesicherter Besitz, der in den Höheren Schulen, den sogenannten Bildungsanstalten, erworben werden kann. Es gehören dazu eine bestimmte Menge von grundlegendem Wissen, gute Umgangsformen und die Fähigkeit, unter seinesgleichen bei allem, was zur Sprache kommt, mitreden zu können. So einfach hat es das Bürgertum verstanden und dadurch die Empörung der wachen und kritischen Geister ausgelöst, die scharfen Angriffe von NIETZSCHE, LAGARDE, FRIEDRICH PAULSEN oder Kardinal NEWMAN gegen die »Halbbildung«, gegen die verlogene »Scheinbildung« und die eitle Geschwätzigkeit, die sich überall breitmachen und die schöpferische geistige Leistung verdrängen. Wer diese Anklagen heute liest, sieht mit Sorge, daß sie nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Die Unsicherheit darüber, was unter Bildung als Zustand des Gebildetseins oder als Ideal eines solchen Zustandes zu verstehen ist, hat noch zugenommen. Auf jedem Gebiet wird dauernd so viel neues Wissen zusammengetragen, daß es selbst von eng spezialisierten Fachleuten nicht mehr völlig überblickt werden kann. Die Schule versucht vergeblich, mit dieser rasch zunehmenden Ausweitung des geistigen Horizontes Schritt zu halten. Sie strebt nach einem Ideal der Zusammenschau des Wesentlichen, nach einem System der grundlegenden Kenntnisse, das sich doch nie ganz verwirklichen läßt, weil die Zeit, die zur Verfügung steht, die Aufnahmefähigkeit und das Gedächtnis dafür nicht ausreichen.

Dieses Mißverhältnis zwischen dem Überangebot an Wissen und der begrenzten seelischen Fassungskraft des Menschen wird häufig übersehen. Es ist eine der Hauptursachen dafür, daß das Scheinwissen und die »Bildungsheuchelei« so weit verbreitet sind: man hat von vielen Dingen schon einmal gehört (wovon hat ein Zeitungsleser, ein Radiohörer, ein Fernseher noch nicht gehört?), man hat das vage Gefühl, es sich schuldig zu sein, über alles Bescheid zu wissen - und schon tut man so, als sei das wirklich der Fall. Es wird ein geistiger Besitz vorgetäuscht, der gar nicht vorhanden ist, ja der im gewünschten Umfang gar nicht vorhanden sein kann.