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Erziehungsziel (S. 100-101)
»Dem nützt kein Wind, der keinen Hafen hat, zu dem er steuert.«
MICHEL DE MONTAIGNE1
Da Erziehung ein zielgerichtetes Handeln ist, gehört der Begriff des Erziehungsziels zu den Grundbegriffen der Pädagogik. Dennoch fehlt dieses Stichwort in neueren deutschsprachigen Lexika und Handbüchern der Pädagogik entweder ganz oder es wird ohne ausreichendes Problembewußtsein und in einer Kürze behandelt, die seiner Wichtigkeit nicht entspricht. Obwohl es unzählige Sätze über Erziehungsziele gibt, sucht man in der pädagogischen Literatur vergeblich nach einer hinreichenden Erläuterung dieses Begriffes. Seine Präzisierung ist überfällig.
Im Unterschied zur Explikation des Begriffes »Erziehung« können wir dabei nur wenig Gebrauch von älteren Definitionen machen, weil es solche kaum gibt. Als einer der seltenen Fälle einer derartigen Definition sei die von GÖTTLER angeführt: »Formal ist unter Erziehungsziel zu verstehen jene leib-seclischc Verfassung des Zöglings, welche am Ende der Erziehungszeit und der Erziehungsarbeit aller Erzieher erreicht sein soll«. Von solchen Ausnahmen abgesehen, muß man bei einer Analyse hauptsächlich auf Sätze zurückgreifen, in denen bestimmte Erziehungsziele formuliert werden, als sei der Inhalt des Begriffes »Erziehungsziel« bekannt. Wir lassen uns also bei der Untersuchung von Sätzen über einzelne Erziehungsziele von den Fragen leiten: Was ist allen diesen Erziehungszielen gemeinsam? Durch welche Merkmale wird der Begriff »Erziehungsziel« bestimmt? Welche Klasse von Phänomenen wird mit diesem Ausdruck bezeichnet?
Man geht am besten vom Bekannten aus, um zunächst einen Eindruck von der Menge und der Vielfalt dessen zu gewinnen, was als Erziehungsziel bezeichnet wird. Ich nenne unter Verzicht auf systematische Ordnung folgende Beispiele aus neueren Texten: »Erziehung zur Menschlichkeit«, Erziehung »zur Selbstachtung und zur Selbstkritik«, »Erziehung zum Gewissen«, »Erziehung zum Verantwortungsbe wußtsein«, »Erziehung zur Liebe«, »Erziehung zur Persönlichkeit«, Erziehung zur »kultivierten Persönlichkeit«, »Erziehung zur Freiheit «, »Erziehung zur Freiheit der Persönlichkeit«, Erziehung zur »allseitigen Entwicklung der Persönlichkeit«, »Erziehung zur Mündigkeit «, »Erziehung zur rationalen Kritik«, »Erziehung zum Frieden«, »Erziehung zur Demokratie«, »Erziehung zur Meisterung der Technik«, »Erziehung zum Sozialismus«, »Erziehung zum Ungehorsam«, »Erziehung zur Selbstbestimmung«, »Erziehung zur Tugend«.
Man könnte die Aufzählung solcher Formulierungen »Erziehung zur . . .«, »Erziehung zum . . .« seitenweise fortführen bis zu der amüsanten Zielsetzung eines um den Export besorgten französischen Landwirtschaftsministers: »Wir müssen Europa zum Käse erziehen!« Wenigstens an einem Beispiel soll noch erläutert werden, wieviele spezielle oder besondere Ziele hinter einem allgemeinen Erziehungsziel stecken. HORNEY differenziert das allgemeine Ziel »Erziehung zur Tugend« zu folgendem Katalog besonderer »Ziele der Schulerziehung«: Erziehung zur Ordnungsliebe, zur Pünktlichkeit, zur Sauberkeit, zur Sparsamkeit, zum Pflichtbewußtsein, zum Fleiß, zur Ausdauer, zur Sorgfalt, zum Verantwortungsbewußtsein, zur Selbständigkeit, zur Gewissenhaftigkeit, zur Hilfsbereitschaft, zum Mitgefühl, zur Verträglichkeit, zur Kameradschaftlichkeit, zur Anständigkeit, zur Treue, zur Gerechtigkeit, zur Rücksichtnahme, zur Duldsamkeit, zur Höflichkeit, zur Dienstwilligkeit, zur Ehrlichkeit, zur Offenheit, zur Tapferkeit, zur Wahrheitsliebe, zur Verschwiegenheit, zur Wahrhaftigkeit, zur Ehrfurcht, zur Urteilsfähigkeit, zur Sachlichkeit.
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