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Der Renegat (S. 12)
Es war vollbracht.
Er war körperlich. Und niemand hatte es bemerkt. Weder einer dieser Menschen noch das Kollektiv.
Menschen.
Rutmer Vitkineff dachte über diesen Begriff nach. Einst war er selbst ein Mensch gewesen, ein Terraner. Ein Mensch mit einer jämmerlichen und bemitleidenswerten Existenz.
Er dachte nur mit Selbstekel daran zurück. Jeder hatte ihn verkannt, jeder, einschließlich der Regierung der LFT, die seinem Leben einen Sinn hätte geben können.
Zu dem Triumph, wieder einen Körper zu besitzen oder wenigstens die Illusion eines solchen, gesellte sich ein zweites Gefühl. Eine Emotion, die er nur zu gut kannte, weil sie sein ers-tes Leben in zunehmendem Maß bestimmt hatte, je älter er geworden war.
Hass.
Er brannte in ihm, durchdrang jedes Teilchen dieses herrlichen pseudomateriellen Avatar-Körpers, der es ihm erlauben würde, seinen großen Plan in die Tat umzusetzen. Dieser Hass war nicht allein gekommen – er hatte Eltern, Geschwis-ter und Kinder. Rutmer Vitkineff war dank seiner zweiten Existenz in ESCHER dazu in der Lage, die Welt der Gefühle von einer völlig anderen Warte aus zu betrachten. Entkörperlicht, als einer von vielen Prozessoren im Kollektiv der Hyperdim-Matrix, lernte man, alteingesessene Denkweisen und Schemata der Logik zu ignorieren. Vitkineffs Horizont hatte sich erweitert. Ja, seine Emotionen waren nichts anderes als eine Familie.
Der Hass stand im Zentrum, doch es gab Eltern und Großeltern: die Enttäuschung, die Trauer, die Angst, die Gefühle der Verlorenheit und Sinnlosigkeit. Außerdem gebar der Hass Kinder: Verachtung und Machtgier. Und dann gab es noch den großen Bruder des Hasses, sein Gegenbild. Nicht etwa die Liebe, nein, denn diese war schwach, sondern die Furcht.
Die Furcht besaß Macht und Größe, wollte alles andere verschlingen, denn sie entströmte der Gefahr, entdeckt zu werden.
Deshalb triumphierte Rutmer Vitkineff so sehr darüber, dass es ihm gelungen war zu verkörperlichen. Gewiss, ESCHER vermochte theoretisch jeden seiner Prozessoren mit einem Avatar-Körper auszustatten, aber es gab keinen einzigen Prozessor, der in der Lage war, aus eigener Kraft in seiner ursprünglichen Menschengestalt zu materialisieren. Keinen außer ihm, dem großen Rutmer Vitkineff, von dem bald alle an Bord reden würden.
Als Avatar brauchte er seine inners-ten Gedanken nicht mehr vor dem Kollektiv zu verheimlichen, mit dem er in der Hyperdim-Matrix unablässig verbunden war. In seinem neuen Körper war er nicht mehr Teil der Rechenvorgänge der Parapositronik. Sein eigentliches Bewusstsein lagerte in einer verborgenen Hyperdim-Bucht der Matrix, ruhig und still, weit abgelegen. Weit entfernt von jeder anderen Schnittstelle, in der die Abbilder der Prozessoren sich drehten, drehten, unablässig quälend langsam drehten und rechneten. Jeder einzelne war zu einem großen Ganzen vernetzt.
Jeder außer ihm, Rutmer Vitkineff.
Er hatte von Anfang an Teile seiner Gedanken in einem geheimen Winkel vor dem Kollektiv verborgen und mit diesen Teilen an seinem Plan gearbeitet. Er hatte seine Befreiung vorbereitet.
Nun besaß er wieder einen Körper und damit eine eigenständige Exis-tenz, von der niemand etwas wusste. Welch ein triumphaler Sieg seines Geistes.
Auf Terra hatten ihn alle ausgelacht, ihn abgestoßen, den skrupellosen Halbmutanten ignoriert, wie sie ihn genannt hatten. Rutmer Vitkineff hatte nicht in ihr Schema gepasst, bei vielen sogar als moralisch unzulänglich gegolten. Niemand hatte sein Potenzial erkannt, die Macht seines Geistes, die ihm eigentlich die Welt hätte öffnen müssen. Er war schon immer erhaben gewesen über die Masse der jämmerlichen Terraner, die nicht wussten, wer er war.
Nun würde die Menschheit dafür büßen.
Rutmer Vitkineff, der Latenz-Suggestor, konzentrierte sich auf seine Kräfte. Zunächst musste er damit spielen, um herauszufi nden, was sich geändert hatte in der Zeit, während der er scheinbar nur einer der inzwischen 140 Prozessoren der Parapositronik gewesen war.
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