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Der fremde Gast - Kriminalroman

von: Charlotte Link

Blanvalet, 2014

ISBN: 9783641138097 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Der fremde Gast - Kriminalroman


 

Sonntag, 18. Juli


Sie träumte, ein kleiner Junge habe an ihrer Haustür geklingelt. Sie wimmelte ihn ab, so wie sie jeden abwimmelte, der ungebeten vor ihr stand und irgendetwas von ihr haben wollte. Dieses überfallartige Betteln war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen, sie fühlte sich bedrängt und genötigt, wenn plötzlich jemand auf ihrem Grundstück aufkreuzte und die Hand aufhielt. Meist ging es um einen guten Zweck, natürlich, aber wer wusste schon, ob diese Leute immer ehrlich waren? Und auch wenn sie mit irgendwelchen Ausweisen herumfuchtelten, die sie als sammelberechtigt für karitative Vereinigungen auswiesen, so war es doch einfach unmöglich, so schnell zu erkennen, ob es sich nicht um eine mehr oder weniger gut gemachte Fälschung handelte. Vor allem, wenn man siebenundsechzig Jahre alt war und zunehmend Probleme mit den Augen hatte.

Kaum dass sie die Tür geschlossen hatte, klingelte es erneut.

Sie setzte sich ruckartig im Bett auf, verwirrt, weil das Klingeln aus dem Traum sie diesmal tatsächlich aus dem Schlaf gerissen hatte. Das Bild des Jungen hatte sie noch immer vor Augen: ein spitzes, blasses, fast durchsichtiges Gesicht mit riesigen Augen. Er bat nicht um Geld, er bat um Essen.

»Ich habe solchen Hunger«, hatte er gesagt, leise und doch fast anklagend. Sie hatte die Tür zugeworfen, entsetzt, erschrocken, konfrontiert mit einem Aspekt der Welt, den sie nicht sehen wollte. Hatte sich umgedreht und versucht, das Bild loszuwerden, und in dem Moment hatte es geklingelt, und sie dachte: Nun ist er das schon wieder!

Warum war sie jetzt aufgewacht? Hatte es tatsächlich geklingelt? Man baute solche Geräusche gern in seine Träume ein. Aber es hätte dann ja nur ein Wecker sein können, und sie hatten gar keinen. Schließlich arbeiteten sie nicht mehr, und morgens wurden sie beide ohnehin ganz von selbst ziemlich früh wach.

Es war sehr dunkel, aber durch die Ritzen des Rolladens drang ein wenig Licht von den Straßenlaternen herein. Sie konnte ihren schlafenden Mann neben sich sehen. Wie immer lag er völlig bewegungslos, und sein Atem ging so flach und leise, dass man sehr genau hinhören musste, um zu wissen, ob da überhaupt noch Atem war. Sie hatte schon gelesen, dass ältere Paare abends gemeinsam einschliefen, und dann wachte morgens einer von ihnen auf und der andere war tot. Dann hatte sie gedacht, wenn Fred auf diese Art sterben würde, würde es ganz schön lange dauern, bis ihr das auffiel.

Ihr Herz klopfte hart und schnell. Ein Blick zur elektronischen Uhr, deren Zahlen hellgrün leuchteten, sagte ihr, dass es fast zwei Uhr in der Nacht war. Keine gute Zeit, um aufzuwachen. Man war so schutzlos. Sie jedenfalls. Sie hatte schon oft das Gefühl gehabt, sollte ihr jemals etwas Schlimmes zustoßen – sollte sie sterben zum Beispiel –, dann würde das nachts zwischen ein und vier Uhr passieren.

Ein bedrückender Traum, sagte sie sich, nichts weiter. Du kannst ruhig wieder einschlafen.

Sie legte sich in ihr Kissen zurück, und in diesem Moment klingelte es erneut, und sie begriff, dass es kein Traum gewesen war.

Jemand klingelte um zwei Uhr nachts an ihrer Haustür.

Sie setzte sich erneut auf und hörte ihren eigenen hektischen Atem in der beklemmenden Stille, die auf das schrille Klingeln folgte.

Das ist ganz ungefährlich, dachte sie, ich muss ja nicht aufmachen.

Es konnte nichts Gutes bedeuten. Nicht einmal Hausierer klingelten um diese Zeit. Wer um diese Zeit Menschen aus dem Schlaf schreckte, der führte entweder Böses im Schilde oder war in eine Notlage geraten. Und war Letzteres nicht viel wahrscheinlicher? Ein Einbrecher oder Raubmörder würde doch nicht klingeln?

Sie knipste das Licht an und beugte sich über ihren tief schlafenden Mann. Der konnte überhaupt nichts hören, da er die Ohren mit Ohropax zugestöpselt hatte. Fred war so empfindlich mit Geräuschen, ihn störte schon das Wispern des Windes in den Bäumen vor dem Schlafzimmerfenster. Oder das Knarren einer Holzdiele oder das welke Blatt einer Zimmerpflanze, das sich löste und zu Boden glitt. Er erwachte davon, und das war das Schlimmste für ihn. Aufwachen zu müssen, wenn er eigentlich beschlossen hatte zu schlafen. Es stürzte ihn in namenlose Wut. Seine Laune war für Tage verdorben. Irgendwann hatte er deshalb mit dem Ohropax begonnen. Und seine Frau hatte aufgeatmet.

Sie zögerte daher, ihn zu wecken. Er konnte ihr das so übel nehmen, dass er eine Woche lang kaum noch mit ihr sprechen würde. Jedenfalls dann, wenn er später befand, dass es unnötig gewesen war, ihn aus dem Schlaf zu reißen. Sollte sich herausstellen, dass man ihn doch besser geweckt hätte, und sie tat es nicht, konnte ihr das Gleiche passieren. Sie war jetzt seit dreiundvierzig Jahren mit diesem Mann verheiratet, und ihr Leben mit ihm hatte überwiegend aus Momenten dieser Art bestanden: zerrissen zwischen zwei Möglichkeiten, nervös abwägend, welches der richtige Weg sein mochte, oberstes Anliegen dabei stets, seine Wut nicht herauszufordern. Es war, weiß Gott, kein einfaches Leben mit ihm.

Es klingelte ein drittes Mal, länger anhaltend diesmal, fordernder, drängender. Sie entschied, dass Freds Nachtschlaf einem so ungewöhnlichen Vorkommnis geopfert werden durfte. Sie rüttelte an seiner Schulter.

»Fred«, wisperte sie, obwohl er sie nicht hören konnte, »wach auf! Bitte, wach auf! Es ist jemand an der Haustür!«

Fred wälzte sich unwillig knurrend zur Seite, dann war er urplötzlich mit einem Schlag hellwach und saß nun auch aufrecht im Bett. Er starrte seine Frau an.

»Was, zum Teufel ….«, begann er.

»Es ist jemand an der Tür!«

Er konnte nur ihre Mundbewegungen sehen und zog sich widerwillig seine Stöpsel aus den Ohren. »Was ist los? Wie kommst du dazu, mich zu wecken?«

»Es klingelt an der Tür. Jetzt schon dreimal.«

Er starrte sie immer noch an, als sei sie nicht ganz normal. »Wie? Es klingelt an der Tür? Um diese Zeit?«

»Ich finde das ja auch sehr beunruhigend.« Sie hoffte, es werde wieder klingeln, denn sie konnte erkennen, dass Fred ihr nicht glaubte, aber für den Moment blieb alles ruhig.

»Du hast geträumt. Und wegen eines dämlichen Traumes meinst du mich wecken zu müssen?« Seine Augen blitzten sie böse an. Seine weißen Haare standen in alle Richtungen vom Kopf ab.

Ein schlecht gelaunter, mürrischer, alter Mann, dachte sie, und inzwischen auch nicht einmal mehr attraktiv. Vielleicht lebe ich noch zwanzig Jahre. Wenn er nicht vor mir stirbt, dann habe ich am Ende dreiundsechzig Jahre mit ihm gelebt. Dreiundsechzig Jahre!

Der Gedanke stimmte sie mit einem Mal so traurig, dass sie hätte weinen mögen.

»Greta, wenn du noch einmal …«, begann Fred voller Zorn, aber genau in diesem Moment klingelte es erneut an der Tür, noch etwas länger und anhaltender als zuvor.

»Siehst du!« Es klang fast triumphierend. »Es ist jemand an der Tür!«

»Tatsache«, sagte Fred perplex. »Es ist … es ist zwei Uhr in der Nacht!«

»Ich weiß. Aber ein Einbrecher …«

»… würde kaum klingeln. Obwohl es theoretisch seine einzige Chance wäre, bei uns ins Haus zu gelangen!«

Das stimmte. Fred hatte viel Mühe und Zeit darauf verwandt, das Haus in eine Festung zu verwandeln, damals, vier Jahre zuvor, als sie es gekauft hatten und eingezogen waren. Ihren Altersruhesitz, wie er es nannte. Ruhiges Münchener Randgebiet, ein eher wohlhabendes Viertel. Sie hatten zuvor auch in München gelebt, in einer ganz anderen Ecke zwar, aber es hatte sich ebenfalls um eine so genannte bessere Gegend gehandelt. Doch sie waren jünger gewesen. Mit dem Alter hatte sich bei Fred eine ausgeprägte Paranoia entwickelt, was Einbrecher anging, und so waren inzwischen alle Fenster im Erdgeschoss vergittert, die Rollläden im ganzen Haus mit Sicherheitsschlössern versehen, und natürlich gab es eine Alarmanlage auf dem Dach.

»Vielleicht sollten wir das Läuten einfach ignorieren.«

»Jemanden ignorieren, der uns mutwillig aus dem Schlaf reißt?« Fred schwang beide Beine über den Bettrand. Er bewegte sich für sein Alter noch ziemlich elastisch. Aber er wurde sehr mager in der letzten Zeit. Der blauschwarz gestreifte Schlafanzug aus Seide schlabberte wie ein leerer Sack um ihn herum. »Ich werde die Polizei anrufen!«

»Aber das kannst du doch nicht machen! Vielleicht ist es ein Nachbar, der Hilfe braucht! Oder es ist …« Sie sprach nicht weiter.

Fred wusste, wen sie meinte. »Warum sollte er zu uns kommen, wenn etwas ist? Er hat sich seit Ewigkeiten nicht blicken lassen.«

»Trotzdem. Er könnte es sein. Wir sollten …« Sie war im Grunde völlig ratlos und überfordert. »Wir müssen irgendetwas tun!«

»Sag ich ja! Die Polizei rufen!«

»Und wenn es dann aber wirklich nur … er ist?« Warum, dachte sie, habe ich immer diese Angst, in Freds Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen?

Fred war das Hin und Her nun leid.

»Ich werde jetzt einmal nachsehen«, sagte er entschlossen und verließ das Zimmer.

Sie hörte seine Schritte auf der Treppe. Dann vernahm sie seine Stimme unten im Hausflur. »Hallo? Wer ist denn da?«

Später – als sie schon gar nicht mehr die Möglichkeit hatte, sich mit Fred darüber auszutauschen, und als sie bereits begriff, dass es keine zwanzig Jahre mehr sein würden, die sie zu leben hatte, sondern nur noch Stunden oder bestenfalls Tage – fragte sie sich, welche Antwort ihr Mann von der anderen Seite der Tür bekommen hatte, dass er sie so schnell und bereitwillig geöffnet hatte. Sie hörte, dass die verschiedenen Sicherheitsriegel gelöst wurden. Dann vernahm sie einen dumpfen...