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3. Personencharakteristik, Personenkonstellation (S. 18)
Faust: Doktor Heinrich Faust, wie Goethe ihn zeichnet, ist kein individueller Charakter. Seine Entwicklung entzieht sich dem individualpsychologischen Verstehen. Faust muss vielmehr als kollektive Gestalt, als Inbegriff und Repräsentant der Entwicklungsmöglichkeiten des neuzeitlichen Menschen begriffen werden.
Er verkörpert zunächst den Gelehrtentyp des ausgehenden Mittelalters und ist in allen vier Fakultäten der spätmittelalterlichen Universitätsbildung bewandert. In seiner Hinwendung zur Magie entspricht er dem Faust-Bild, wie es die Tradition der Volksbücher im 16. und 17. Jahrhundert geformt hatte. Zugleich nimmt Goethes Faust Züge des Paracelsus (1493–1541) auf, dieser Denker hat platonische philosophische Spekulation und christlich-mystisches Denken miteinander verbunden und die Lehre der Pansophie (der »Allweisheit«) in Deutschland begründet.
In der Bibelübersetzung nimmt Faust die Züge Luthers an, und später in Faust II erscheint er zunächst wie ein neuerschaffener Adam (»Anmutige Gegend«), dann bekommt er Züge des Finanzspekulanten John Law (der durch seine Manipulationen in Frankreich das Ancien Régime vor der Französischen Revolution destabilisierte), wie ein John Drake betreibt er Politik und Ökonomie im Piratenstil, und wie der Graf Saint-Simon entwirft er eine sozialistische Utopie, als deren Kern Goethe prophetisch die Sklavenarbeit eines KZ- oder Archipel-Gulag-Systems herausgearbeitet hat (5. Akt). Im Faust I repräsentiert Faust einen Wissenschaftler, der sich vom Leben und der Natur isoliert sieht.
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