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6. Interpretation (S. 33)
Egozentrischer Werther
Der Briefroman schildert bis zur letzten Konsequenz, der Titel sagt es schon, die Leiden des jungen Werther. Werthers Leid ist vielgestaltig: Er leidet an der Gesellschaft, an der unerfüllbaren Liebe zu Lotte, aber auch an sich selbst und seiner Melancholie. Werther ist, und das ist zentral für das Verständnis des Romans, zu intensiv auf sich selbst fixiert.
»Wie froh bin ich, daß ich weg bin!« (5), so lautet der erste Satz des Romans. Er verdeutlicht durch die doppelte Hervorhebung des »ich« Werthers egozentrische Einstellung. Auch der Name Werther, der sich von Wert4 (Flussinsel) ableiten lässt, zeigt, dass er eine isolierte, inselähnliche Existenz führt. Außerdem besteht Werther ausdrücklich auf der Verwirklichung seiner eigenen Identität, und zwar aus sich selbst heraus: »Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt!« (12). Damit erhält seine Umwelt lediglich einen sekundären Stellenwert, zentral ist für ihn seine eigene, höchst private Weltsicht. Damit steht Werther schon zu Beginn des Romans auf verlorenem Boden, er ist durch seinen Selbstbezug nicht in der Lage, ein vernünftiges Verhältnis zu seiner Um- und Mitwelt herzustellen.
Weil Werther seine Subjektivität radikal in den Vordergrund stellt, distanziert er sich zwangsläufig von der regelkonformen Gesellschaft. Dies hat schwerwiegende Folgen für ihn: Er ist von der Gesellschaft isoliert und kann deshalb keine Erfahrungen machen, die sein egozentrisches Verhal- ten gesellschaftsverträglich regulierten. Logischerweise verliert er die Orientierung in der menschlichen Gemeinschaft, schließlich misslingt auch die Ortung des eigenen Ich: »Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles« (63). Um diese Orientierungslosigkeit zu ertragen, kann sich Werther kurzzeitig stabilisieren, indem er sich in die Welt der Kinder und in die Welt Homers hineinphantasiert, aber dieses regressive Verfahren vermag auf Dauer keinen Schutz zu gewähren.
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