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Lektüreschlüssel zu Jurek Becker: Jakob der Lügner

Lektüreschlüssel zu Jurek Becker: Jakob der Lügner

von: Olaf Kutzmutz

Reclam, 2008

ISBN: 9783159501437, 80 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 3,00 EUR

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Lektüreschlüssel zu Jurek Becker: Jakob der Lügner


 

Erzählen als Lügen (S. 11-12)

Zentrales Erzählprinzip ist dafür das Lügen, Fingieren, Erfinden: dazu zählt der gesamte Roman als literarische Schöpfung Beckers, die Phantasien des Ich-Erzählers, mit denen er Erzähllücken füllt, und Jakob als findiger Nachrichtenmonopolist. In einer Welt des Terrors streut Jakob seine segensreichen Lügen pikanterweise mit einem technischen Hilfsmittel aus, das ansonsten die Nazis zur Verbreitung ihrer staatstragenden Lügen, ihrer Propaganda verwendet haben. Er verkörpert durch seine Radiolügen das Prinzip Hoffnung, das immer nah am Prinzip Vertröstung bleibt. Diese Rolle als Mutmacher ist Jakob durchaus vertraut. Bereits vor der »Radiozeit« sind die Menschen auf einen Schnaps zu ihm gekommen, »weil die Welt nach solchem Besuch ein kleines bißchen rosiger ausgesehen hat, weil er eine Kleinigkeit überzeugender als andere ›Kopf hoch‹ sagen konnte oder ›es wird schon wieder werden‹ oder etwas in der Art« (255). Ihrem Namen macht die Hauptfigur alle Ehre, denn schon der biblische Jakob ist zugleich Lügner (er erschleicht sich sein Erbe) wie Hoffnungsträger.21 Auch sein Nachname Heym ist Programm, wenn man ihn in Anlehnung an das Hebräische ›Chaim‹ schreibt, was übersetzt ›Leben‹ heißt – oder in der Kurzformel des Romans: »Jakobleben« (113).

Jakobs Lügen wirken auf sein Umfeld nicht nur als Durchhalteparolen, sondern fast schon wie eine Überlebensphilosophie. Seine erste Lüge – elementare Menschlichkeit zwingt ihn, »verantwortungslose Behauptungen in die Welt zu setzen« (34) – hält Mischa von einem lebensgefährlichen Kartoffel-Diebstahl ab, eine weitere Lüge rettet dem völlig entkräfteten Leonard Schmidt das Leben. Geradezu ein »winziges Lustspiel« (66) ist die Episode um die Verliebten Rosa und Mischa, die nur zueinander kommen können, da Mischas Mitbewohner, Isaak Fajngold, angeblich taubstumm ist. Es ist eine Geschichte, »wie jemand belogen werden muß, damit er ein bißchen glücklich sein kann« (63).