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6. Aspekte zur Interpretation (S. 41)
Beobachtungen zur Form
Nach Goethes eigener Aussage ist der Faust eine »inkommensurable Produktion«, also etwas Unvergleichliches, etwas, das in kein Schema passt. Weder werden die Einheiten von Raum, Zeit und Handlung beachtet noch ist Faust eine psychologisch konsistente oder realistische Figur. Rascher Szenen- und Stimmungswechsel bestimmt das ganze Drama. Während Faust I, abgesehen von Fausts Verjüngung um etwa 30 Jahre, noch der Logik zeitlicher Abläufe folgt, durchmisst Faust II scheinbar willkürlich die Epochen der abendländischen Geschichte. Das ganze Drama wird in den Einleitungs- und Schlussszenen obendrein noch in die Tradition des »Theatrum mundi«, des Welttheaters spanischbarocker Prägung, gestellt. Dort ist die Welt als Bühne gedacht, auf der die Menschen ihre Rolle spielen, bis Gott über sie urteilt. Dort (z.B. in den Dramen Calderons) bleibt Gott der Richter und der Regisseur, Goethe macht auch Gott zu einer Spielfigur.
In seiner Vielfältigkeit und Zerrissenheit knüpft der Faust des Klassik-Repräsentanten Goethe an die Sturm und Drang-Dramen an und entwickelt den Typus des offenen Dramas weiter.
Metrische Formen
Dementsprechend vielfältig sind die im Drama verwendeten Versmaße: der am häufigsten verwendete Vers ist der Madrigalvers (z.B. V. 300–307). Er ist charakterisiert durch ein jambisch alternierendes Metrum mit freier Hebungszahl und freier Reimstellung. Verse mit fünf oder sechs Hebungen können mit Kurzversen (nur zwei oder drei Hebungen) wechseln, Paar- oder Kreuzreime, umarmender oder schweifender Reim: alles ist möglich. Durch die Kurzverse lassen sich (besonders in den Reden Mephistos) die Pointen scharf herausarbeiten. – Fausts bekannter Eingangsmonolog (V. 354 ff.) beginnt mit Knittelversen.
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