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Religiöse Kultur in Brasilien - Zwischen traditionellem Volksglauben und modernen Erweckungsbewegungen

Religiöse Kultur in Brasilien - Zwischen traditionellem Volksglauben und modernen Erweckungsbewegungen

von: Franz Höllinger

Campus Verlag, 2007

ISBN: 9783593384733, 261 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC,Mac OSX,Windows PC Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 28,00 EUR

Ersparnis: 4,90 EUR

  • Storytelling - Das Praxisbuch
    Deutsche Forschungsreisende in Angola - Ethnographische Aneignungen
    Max Weber
    Die Entdeckung der Stadtkultur
    Datenanalyse und Modellierung mit STATISTICA
    Die Eigenlogik der Städte - Neue Wege für die Stadtforschung ( Interdisziplinäre Stadtforschung, Band 1)
    Milieupraxis - Vom Sehen zum Handeln in der pastoralen Arbeit
    Ragtime 5.6
  • Macht Glaube Politik?
    Der erste Single - Jesus, der Familienfeind

     

     

     

     

     

     

     

 

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Religiöse Kultur in Brasilien - Zwischen traditionellem Volksglauben und modernen Erweckungsbewegungen


 

5. Das spiritistische Kontinuum (S. 97-98)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich in der gebildeten weißen Mittelschicht Brasiliens religiöse Gemeinschaften, die sich an den Schriften des französischen Spiritisten Alain Kardec orientierten. Aus der Annäherung und Vermischung zwischen dem »weißen« Spiritismus und dem breit gefächerten Substrat an afrobrasilianischen und indianischen Vorstellungen und Praktiken entstand um 1920 die Umbanda-Religion, die sich binnen weniger Jahrzehnte ebenfalls in ganz Brasilien ausbreitete. Zum »spiritistischen Kontinuum« gehören auch die ursprünglichen afrobrasilianischen Religionen sowie eine Reihe neuerer esoterisch-religiöser Gemeinschaften, auf die in diesem Kapitel ebenfalls eingegangen wird.

5.1 Der Spiritismus (Kardecismus)

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in verschiedenen europäischen Ländern spiritistische Sitzungen, bei denen in Anwesenheit eines Mediums ein Tisch mittels Klopf- oder Drehbewegungen Botschaften aus dem Jenseits übermittelt, zu einer Modeerscheinung, die sich in bürgerlichen Salons großer Beliebtheit erfreute.

Der französische Pädagoge Hippolyte Rivail (1804–1869), ein Verehrer der Schriften seines Zeitgenossen Auguste Comte und anfänglich ein skeptischer Beobachter des Phänomens der »sprechenden Tische«, wurde aufgrund umfangreicher Vergleiche von spiritistischen Botschaften zu einem überzeugten Anhänger des Spiritismus und verfasste unter dem Pseudonym Alain (in Brasilien: Allan) Kardec zahlreiche Bücher, in denen er den Spiritismus als eine Synthese von empirischer Wissenschaft, Philosophie und Religion darstellte. Die wichtigsten Punkte seiner Lehre lassen sich wie folgt zusammenfassen (Ferreira de Camargo 1961 und 1973, Cavalcanti 1983: 30ff.):

– Der Mensch besteht aus Körper und Seele. Beim Tod verlässt die Seele den Körper und wird zum Perispirit, der geistigen Existenz, in der die Individualität des Menschen über seinen Tod hinaus fortlebt.

– Alle Ereignisse im Kosmos sind durch das karmische Gesetz von Ursache und Wirkung bestimmt, jede menschliche Handlung hat eine entsprechende Konsequenz. Je nach den Verdiensten, die sich ein Mensch im Leben erworben hat, wird er nach einer Phase der spirituellen Zwischenexistenz im nächsten Leben auf einer höheren oder weniger hohen spirituellen Entwicklungsstufe wiedergeboren. Im Unterschied zur hinduistischen Reinkarnationslehre gibt es im Kardecismus keinen Abstieg, sondern nur eine Stagnation auf derselben geistigen Stufe.

– Das Ziel der menschlichen Existenz besteht darin, eine möglichst hohe spirituelle Entwicklung zu erreichen. Die wichtigsten Voraussetzungen zur Steigerung des spirituellen Entwicklungsniveaus sind die karitative Nächstenliebe und die theoretische und praktische Beschäftigung mit den Lehren des Spiritismus.

– Zwischen den Menschen und den Geistern der Toten bestehen Interaktionsbeziehungen. Diese manifestieren sich in Form von Botschaften aus dem Jenseits, spiritueller Besessenheit und dergleichen. Menschen mit medialen Fähigkeiten können von sich aus aktiv mit Geistwesen in Kontakt treten und sind besonders empfänglich für Botschaften aus dem Jenseits. In den spiritistischen Sitzungen wird die Kommunikation mit Geistern bewusst herbeigeführt. Spirituell hoch entwickelte Geister werden herbeigerufen, um den Anwesenden bei der Bewältigung ihrer Aufgaben oder Probleme zu helfen. Geister einer niedrigen Entwicklungsstufe, die einen der Anwesenden quälen, werden vom Leiter der Sitzung belehrt und erzogen, um ihr Karma zu reinigen und ihnen eine spirituelle Höherentwicklung zu ermöglichen.

– Jesus ist der spirituell höchstentwickelte Mensch, der jemals auf Erden gelebt hat und als geistige Existenz immer noch fortlebt. In der Praxis des Spiritismus hat Jesus jedoch eine geringere Bedeutung als die spirituellen Führer, die sich in den Sitzungen manifestieren