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Der gelehrte Narr - Gelehrtensatire seit der Aufklärung

von: Alexander Kosenina

Wallstein Verlag GmbH, 2003

ISBN: 9783835320406, 488 Seiten

Format: PDF

Kopierschutz: frei

Mac OSX,Windows PC,Mac OSX,Windows PC geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's

Preis: 16,00 EUR



Mehr zum Inhalt

Der gelehrte Narr - Gelehrtensatire seit der Aufklärung


 

Verkehrungen: Lob der Torheit und der Analphabeten (S. 278-279)

Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseits beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen.

(Musil, Über die Dummheit)

Der Salto mortale der Gelehrtensatire ist das Lob der Dummheit. Wären nicht, so die kühn-ironische Überlegung ihrer Anwälte, alle Einwände und Vorbehalte gegenüber der Gelehrsamkeit, wie sie in den vorhergehenden Kapiteln aus vielerlei Munde vorgetragen wurden, abzuweisen, wenn die Erudition sich in ihr Gegenteil verkehrte? Daß Vernunft und Unvernunft enger zusammenhängen als bloß durch die Logik des Gegensatzes, ist seit alters her ein Gemeinplatz. Zahllose Bibelstellen und Sprichworte befassen sich mit dieser seltsamen Dialektik, nach der oft der Tor der eigentlich Kluge, die angemaßte und eingebildete Weisheit hingegen der Inbegriff der Dummheit ist.

Die Profilierung einer These durch ihre Antithese, die Umkehrung einer Aussage zur Gewinnung einer gegensätzlichen, fremden Perspektive gehören nicht nur zum Repertoire der Rhetorik, sondern auch zum Grundbestand diskursiver, intellektueller Verfahren. In der Literatur bedient sich die Satire des gleichen Mittels. Ironie und Parodie beruhen auf Inversion, auf der Darstellung unvollkommener Wirklichkeiten als »verkehrte Welt«.1 Dieser Topos ist uralt, kommt vom antiken Adynaton, der Darstellung von Unmöglichkeiten,2 und findet sich auch in der Emblematik.3 Seit je ist Wissenschaft ein Spielball von Paradoxen.

Ernst Robert Curtius leitet seine kleine Toposgeschichte nicht von ungefähr mit einer Passage aus der Carmina Burana ein, in der es heißt: »Die Wissenschaft galt einst als Ziel, / Doch obenauf ist nun das Spiel.«4 Torheit, Narrheit, Dummheit als Gegenstücke der Vernunft üben eine eigentümliche Faszination auf Intellektuelle aus. Von Erasmus von Rotterdams Moriae Encomium (1511) bis zu Robert Musils ausführlicher Rede Über die Dummheit (1937)5 wurde darüber geschrieben. Im Humanismus ist es keine Seltenheit, die rhetorische Form des Enkomions, also des Preisliedes, satirisch in ein Lob des Schlechten zu verkehren.

»Die Wirkung dieser literarischen Mode, wie man sie nennen könnte, reichte bis weit in das 17. Jahrhundert hinein, in dem man ganze Kompendien solcher Enkomien veröffentlichte.«6 Das Lob der Torheit von Erasmus steht am Beginn dieser Tradition. Indem Erasmus ausschließlich die Allegorie Stultitia – im besten Gelehrtenlatein und mit einer Vielfalt von antiken und biblischen Zitaten – sprechen läßt (»Stultitia loquitur«), entsteht ein vielschichtig paradoxes Vexierspiel, in dem er seine eigenen Positionen geschickt verbirgt.

Der berühmte Kulturhistoriker Johan Huizinga hat mit überlegener Prägnanz diese bis heute einflußreiche Satire auf die beiden folgenden miteinander verflochtenen Themen zurückgeführt: »das von der heilsamen Torheit, die die wahre Weisheit ist, und das von der eingebildeten Weisheit, die lauter Torheit ist. Da ja beide von der Torheit gesungen werden, müßte man die beiden umkehren, um die Wahrheit zu bekommen, wenn nicht Torheit … Weisheit wäre.«8 Das erste Thema dominiert mit den Apologien der Torheit die beiden Rahmenpassagen des dreiteiligen Textes, während das zweite den Mittelabschnitt mit der Ständesatire bestimmt.