Suchen und Finden
Service
Infos und Kontakt
1 Der Abschied Sommer 920 n. Chr. (S. 6)
Maline war den Tränen nah. Heute würde sie mit Viktor, ihrem Verlobten, abreisen, um im Haus seines Vaters zu heiraten. Sie waren schon seit Kindesbeinen an einander versprochen worden, und vor drei Wochen war Viktor gekommen, um sich mit ihr offiziell zu verloben. Er war praktisch ein Fremder für sie, da sie ihn das letzte Mal als Neunjährige gesehen hatte.
Da Malines Mutter schwer erkrankt war, konnte ihre Familie nicht mit zur Hochzeit fahren, deshalb hatte man die Verlobung umso mehr gefeiert. Viktor gab sich höflich und bemühte sich, Maline in Gespräche zu verwickeln, doch sie konnte sich nicht für ihn erwärmen. Ein paar Mal hatte er sie bei Spaziergängen geküsst und versucht, seine Zunge zwischen ihre Lippen zu zwängen, was bei Maline aber Ekel und Widerwillen ausgelöst hatte.
Ihre Dienerin Lina war gerade dabei die Reisekisten zu packen. Sie würde ihre Herrin in den Norden Irlands begleiten, um ihr auch dort zu dienen. „Wünscht Ihr das gelbe Kleid mit der Stickerei auch mitzunehmen? Es ist am Oberteil zu eng geworden, aber ich könnte es vielleicht noch umändern", fragte die Bedienstete. „Nein, Lina, das ist nicht nötig, lassen wir es hier.
Ich werde meinen zukünftigen Gatten bitten, mir ein paar neue Kleider machen lassen zu dürfen", sagte Maline und seufzte schwer. „Freut Ihr Euch denn gar nicht, dass Ihr bald Euren eigenen Hausstand habt? Ihr werdet Kinder bekommen und Feste organisieren. Ach, ich würde gerne mit Euch tauschen. Euer Zukünftiger sieht doch sehr gut aus und er ist jung und vermögend.
Eure Freundin musste einen Mann heiraten, der fast doppelt so alt ist wie sie. Ihr könnt Euch wirklich glücklich schätzen", begeisterte sich die Dienerin. „Sicher hast du recht, aber ich verlasse heute mein Heim und meine Familie, um in der Fremde mit einem Mann zu leben, den ich kaum kenne und den ich nicht liebe. Ich mag ihn nicht einmal. Seine Nähe widert mich an", erwiderte Maline und schüttelte sich unwillkürlich.
Es klopfte an der Tür, und Malines älterer Bruder Liam kam ins Zimmer. Er war groß und schlank, sein rotes Haar trug er kurz geschnitten, seine grünen Augen blickten Maline besorgt an. „Wie weit seid ihr? Alle warten schon darauf, euch zum Anleger zu bringen. Dein Gatte möchte unbedingt rechtzeitig aufbrechen."
„Noch ist er nicht mein Gatte!", warf Maline erbost ein. „Nein, aber er wird es bald sein. Du solltest versuchen, dich mit dem Gedanken anzufreunden", riet Liam seiner Schwester. „Die meisten Ehen fangen so an – und einige werden durchaus glücklich." Maline schnaubte missmutig. Eine glückliche Ehe? Mit Viktor? Das erschien ihr mehr als unwahrscheinlich.
„Sieh nur Mutter und Vater. Sie lieben sich noch immer. Vielleicht wirst du Viktor auch lieben lernen – mit der Zeit", versuchte Liam einzulenken. „Das ist etwas anderes. Vater hat Mutter schon immer geliebt!" „Ja, aber Mutter ihn nicht", erwiderte Liam. „Vater ist ein Mensch, den man lieben muss. Viktor dagegen ist ... nun ja, fade, langweilig und eingebildet!" Liam seufzte.
Alle Preise verstehen sich inklusive der gesetzlichen MwSt.; Ersparnis im Vergleich zur Printversion

























