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Der Befreier - Die Geschichte eines amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg

von: Alex Kershaw

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2015

ISBN: 9783423422383 , 496 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 10,99 EUR

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Der Befreier - Die Geschichte eines amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg


 

II
In den Krieg


Felix Sparks mit seiner späteren Frau Mary 1939 in der Wüste bei Tucson, Arizona

(Mit freundlicher Genehmigung von Mary Sparks)

Camp Kamehameha, Hawaii, 7. Dezember 1941


Die »Zeros«, die Kampfflugzeuge der Marine stießen herab, spuckten Geschosse aus, warfen Bomben und setzten dem Frieden ein Ende. Die Rümpfe mit ihren roten Sonnen, schon bald als »Fleischklößchen« berüchtigt, rasten im frühen Morgenlicht dieses Sonntags über Pearl Harbor hinweg. Als die Japaner im Tiefflug bombardierten, erwiesen sich die massigen 16-Zoll-Artillerie-Geschütze, die auch Sparks zwei Jahre lang bedient hatte, als absolut nutzlos. Vier Schlachtschiffe und zwei Zerstörer wurden versenkt und über 2000 Mann getötet. Der Überraschungsangriff auf Hawaii war nicht vom Meer her, sondern aus der Luft erfolgt.

Nur vier Tage später, am 11. Dezember, verkündete Adolf Hitler in einer 88-minütigen Rede vor dem Reichstag theatralisch, dass auch das Dritte Reich gegen die Vereinigten Staaten zu Felde ziehen würde. Das eine Dienstjahr, zu dem Sparks einberufen worden war, wäre wenige Tage später beendet gewesen. Jetzt hatte er keine Chance mehr, das Studium fortzusetzen. Wie andere, die dienten, musste er in der Armee bleiben, bis der Krieg verloren oder gewonnen war. Schon bald erreichten ihn noch schlechtere Nachrichten, diesmal von einem Collegefreund: Mary Blair traf sich mit anderen Männern. Er rief sie sofort an. Die Verbindung war schlecht. Offenbar fand gerade eine Party statt. Er konnte bloß Stimmen junger Männer, Swing-Musik und Gelächter hören. Offenkundig amüsierte sie sich. Er hätte es nicht ertragen, sie zu verlieren.

»Willst du mich heiraten?«1

Was hatte er gesagt? Mary konnte ihn nicht richtig verstehen. Er war verärgert, dass sie nicht sofort Ja sagte, und fragte noch einmal.2

Sie schlossen am 17. Juni 1942, am Ende von Marys drittem Jahr an der Universität, in Anwesenheit ihrer Familien sowie einigen ihrer Collegeprofessoren in Tucson den Bund fürs Leben. Anschließend liehen sie sich zusammen mit einem anderen Paar ein Auto und fuhren Richtung Westen an die Pazifikküste nach San Diego für ein paar Tage Hochzeitsreise. Sie hatten eine Abmachung. Er wusste, wie wichtig es ihr war, das College abzuschließen, und wie hart sie dafür gearbeitet hatte. Also bestand er darauf, dass sie erst alle ihre Prüfungen ablegen und ihm danach, auf welchen Stützpunkt auch immer, folgen sollte.

Im September 1942 hatte Mary das Studium abgeschlossen und kam rechtzeitig in Massachusetts an, um den farbenprächtigen Altweibersommer von New England zu erleben. Goldene und orangefarbene Blätter türmten sich vor weißen Schindeldachhäusern und Kirchen, während Sparks und sein Regiment Landemanöver an den naturbelassenen Stränden von Cape Cod übten. Wie viele andere junge Frauen, die in diesem Herbst zu ihren Männern gezogen waren, wurde Mary schwanger. Bis dahin war es relativ idyllisch, doch im November war Schluss damit, denn die Division wurde nach Pine Camp im Norden des Staates New York verlegt. Dort erlebten sie einen echten New-England-Winter mit 1,20 Meter Schnee und Temperaturen von minus 50 Grad Celsius.3 Die Männer hatten keine Winterausrüstung bekommen, und Frostbeulen wurden zum Problem. Manche Thunderbirds machten ihrem Missmut mit Schlägereien in den örtlichen Kneipen Luft, und zwei frustrierte Soldaten überfielen sogar eine Bank, was ihnen jeweils fünf Jahre Gefängnis einbrachte.

Zur großen Erleichterung der örtlichen Wirte und Banken zog die Division im Januar 1943 ins mildere Virginia, um in den Blue Ridge Mountains zu trainieren. Dank des dortigen schwarzgebrannten Alkohols war die Moral alsbald wiederhergestellt. Gerüchte besagten, dass man in Kürze Richtung Europa oder Pazifik auslaufen würde. Die Frage, ob sie die Kämpfe überleben würden, lastete immer stärker auf den Soldaten und ihren Familien. Sparks und den anderen Thunderbirds war klar, dass viele von ihnen nicht mehr zurückkommen würden.4

Anfang Mai 1943 umarmte Sparks Mary zum letzten Mal. Das Kind kündigte sich deutlich sichtbar an. Man hatte ihr gesagt, sie könne nach dem siebten Monat nicht mehr reisen und solle zu ihrer Familie nach Tucson fahren, um das Baby dort zur Welt zu bringen. Sie klammerten sich aneinander und küssten sich zum Abschied in dem Wissen, dass sie sich vielleicht nie wieder sehen würden. Was würde aus Mary und dem Kind, wenn er nicht wiederkäme?5 In einem Brief vom 19. Mai bat er seine Eltern, sich um das Kind zu kümmern, falls Mary bei der Geburt etwas zustieß. »Wenn es je eine Zeit in meinem Leben gab, in der ich zu Hause sein wollte, dann ist das jetzt«, fügte er hinzu. »Aber es ist nicht möglich.«

Eines Tages würde er zurückkommen, das schwor er sich – wenn der Krieg in Europa vorüber war.6

Hampton Roads, Virginia, 3. Juni 1943


Über den Pier zog sich eine lange Schlange von Männern in grünen Uniformen. Vor ihnen ragte die USS »Charles Carroll« in die Höhe, ein 150 Meter langes Amphibisches Transportschiff, das mit 22 Flugabwehrgeschützen bestückt war. Während sich die Männer in den Gangways drängelten, wurde rege debattiert. Wohin ging die Reise? Manche meinten, sie würden direkt nach Frankreich gebracht, um eine zweite Front zu eröffnen. Andere waren sich sicher, es würde, obwohl sie sich an der Atlantikküste befanden, durch den Panamakanal in den Pazifik gehen. Einigen von Sparks’ Offizierskameraden war es egal, wohin sie gebracht würden, solange die Achtzig-Kilometer-Märsche zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie das endlose Aus- und Einpacken und Überprüfen der Ausrüstung endlich ein Ende hatten.

Für die Brüder Otis (19) und Ervin (29) Vanderpool war es wie für die meisten anderen das erste Mal, dass sie die Vereinigten Staaten verließen. Als sie die Maisfelder von Olathe, Colorado, hinter sich ließen, um sich in Fort Sill dem Regiment anzuschließen, wo Sparks ihr Zugführer wurde, war es sogar das erste Mal, dass sie überhaupt über die Grenzen ihres Bundesstaates hinauskamen. Ervin war der Meinung, es wäre am besten, wenn er gemeinsam mit seinem kleinen Bruder in den Krieg zog. Vielleicht konnte er ihn so irgendwie beschützen. Wie Dutzende anderer Brüderpaare, die Seit an Seit in der 45. Infanteriedivision dienten, wollten sie sich gar nicht vorstellen, dass nur einer alleine zurückkommen würde.

Am 8. Juni 1943 ertönten um 8.00 Uhr die Schiffssirenen, Ankerketten rasselten, und der Konvoi, der das 157. Infanterieregiment verschiffte, verließ langsam die Hampton Roads, um über die Chesapeake Bay aufs Meer hinauszugelangen. An der Reling beobachteten die Männer, wie Amerika am Horizont verschwand. Manche fühlten sich merkwürdig leer, als sie Kurs hinaus auf den Atlantik nahmen.7 Geleitet von mehreren Zerstörern fuhr der Konvoi zickzack nach Südosten, um U-Booten auszuweichen, ehe er einen nördlichen Kurs Richtung Gibraltar einschlug.

Als sie sich Nordafrika näherten, hört Sparks, wie er sich erinnerte, Radiosendungen mit »Axis Sally« aus Berlin. »Ihr Jungs von der 45. Division wisst, dass ihr bereits auf hoher See seid, und ich werde ein Lied für euch spielen«, kündigte Sally eines Tages an. »Es ist ›The Last Roundup‹, und es wird der letzte Auftrieb für viele von euch sein.«8 Axis Sally hieß eigentlich Mildred Gillars. Die Amerikanerin war 1935 nach Deutschland gekommen und unter ihrem Pseudonym beim Großdeutschen Rundfunk in Berlin bis zum Ende des Dritten Reiches als Nazi-Propagandistin tätig. Nach zwei Wochen auf dem Meer gelang es Sparks, Axis Sally auszublenden, und die Songs, die sie spielte, trotzdem zu hören.9

Am 21. Juni 1943 passierte der Konvoi die Straße von Gibraltar. Das Mittelmeer war leuchtend blau und so klar, dass die Männer weit in die Tiefe sehen konnten, wenn sie sich über die Reling lehnten. Delfine spielten im Kielwasser der Schiffe.10 Dann erreichte der Konvoi den überfüllten Hafen Oran im französischen Algerien. Zu ihrer großen Enttäuschung ließ man die Thunderbirds vier weitere Tage in ihrem engen, faulig riechenden Schiff eingepfercht. Der Grund wurde am 25. Juni deutlich, als die gesamte Division im Rahmen einer Landungsübung auf die nahe gelegenen Strände von Bord ging, während die 36. Infanteriedivision die Rolle der Verteidiger übernahm. Die Aktion erwies sich als Fiasko, weil so gut wie keine erfahrenen Bootsführer und Marineoffiziere dabei waren; nur Minuten, ehe die 45. Division die USA verließ, waren diese wegen der chronischen Knappheit von Landungsbootbesatzungen in Europa und im Pazifik anderen Abschnitten zugeteilt worden.

Korpskommandeure und hochrangige Strategen der Alliierten fragten sich, was passieren würde, wenn die unerfahrenen Thunderbirds tatsächlich unter Feindbeschuss an einer fremden Küste anlandeten. Am 27. Juni versammelte George S. Patton, der besorgte Kommandeur der 7. Armee, alle Offiziere der Division zu einer ohne Frage dringend notwendigen aufbauenden Rede. Sparks befand sich in einer Menge von mehreren Hundert Männern, die Patton von einem Hügel aus zuhörten. Sie blickten hinunter auf eine Bühne, die in einem trockenen Flussbett aufgebaut worden war.11

»Meine Herren«, sagte Patton, »in wenigen Tagen werden wir erstmals das europäische Festland erreichen. Die meisten von Ihnen waren noch nie im Gefecht, und Sie haben vielleicht Angst. Doch haben Sie keine Angst! Sie könnten sich eine...