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Kapitel I Am Ende ästhetischer Erfahrung (S. 21-22)
The end crowns all.
Shakespeare
1.
Erfahrung, spottete Oscar Wilde, ist der Name, den man seinen Fehlern gibt. Benennt ästhetische Erfahrung demnach den größten Schnitzer der modernen Ästhetik? Obwohl ästhetische Erfahrung lange als zentraler Begriff der Ästhetik galt, der den Bereich der Kunst bestimmte und zugleich darüber hinauswies, ist sie in den letzten fünfzig Jahren zunehmend in Verruf geraten. Nicht nur ihre Bedeutung, ihre Existenz selbst wurde in Frage gestellt. Wie kommt es, dass dieser einst so vitale Begriff seine Attraktivität verlieren konnte?
Kann der Begriff ästhetischer Erfahrung heute noch irgendetwas leisten? Der ambivalente Titel The End of Aesthetic Experience legt meine beiden Absichten nahe: zum einen eine Bestandsaufnahme seines philosophischen Abstiegs, zum anderen eine kritische Revision und daran anschließend eine Rehabilitierung des Begriffs.2 Von einigen kurzen Bemerkungen zur europäischen Kritik dieses Begriffs abgesehen, werde ich mein Hauptaugenmerk auf den beschleunigten Niedergang der ästhetischen Erfahrung in der angloamerikanischen Philosophie des 20. Jahrhunderts richten. Nicht nur, weil er hier am deutlichsten zu verzeichnen ist, sondern auch weil ich in dieser Tradition – der von John Dewey, Monroe Beardsley, Nelson Goodman und Arthur C. Danto – meine eigenen ästhetischen Überlegungen ansiedele. Während Dewey ästhetische Erfahrung feierte und zum Mittelpunkt seiner Kunstphilosophie erklärte, umgeht Danto den Begriff, davor warnend, dass (nach Duchamp) „die Gefahr, die es zu meiden gilt, der ästhetische Genuss" sei.3 Der Abstieg der ästhetischen Erfahrung von Dewey bis Danto spiegelt, wie ich zeigen werde, eine tiefe Verwirrung mit Bezug auf ihre unterschiedlichen Ausformungen und theoretischen Funktionen wider. Sie spiegelt aber auch eine zunehmende Auseinandersetzung mit „anästhetischen" Anstößen der Avantgarde dieses Jahrhunderts, die selbst wiederum für viel grundlegendere Umwälzungen unserer elementaren Empfindungsfähigkeit symptomatisch sind, je mehr wir uns von einer Erfahrungs- auf eine Informationskultur zu bewegen.
Bevor wir nun diesen Abstieg der Idee ästhetischer Erfahrung angemessen erfassen können, müssen wir uns allerdings erst seine anfängliche Bedeutung ins Gedächtnis rufen. Einige glauben zwar, sie spiele schon avant la lettre und in verschiedenen Verkleidungen eine wesentliche Rolle in der prämodernen Ästhetik (z. B. in Platons, Aristoteles’ und Thomas’ Bezugnahme auf die Erfahrung des Schönen, und in Albertis und Gravinas Begriffen von lentezza und delirio)4, aber es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Vorherrschaft ästhetischer Erfahrung erst in der Moderne zum Tragen kam, als sich der Begriff „Ästhetik" offiziell etablierte. Nachdem Wissenschaft und Philosophie der Moderne den Glauben der Antike, des Mittelalters und der Renaissance daran, Eigenschaften wie Schönheit seien objektive Merkmale der Welt seien, ausgemerzt hatten, wandte sich die moderne Ästhetik der subjektiven Erfahrung zu, mit der diese nun erklärt und fundiert werden sollte. Selbst wenn ein intersubjektiver Konsens oder Maßstab gesucht wurde, der die kritische Aufgabe eines realistischen Objektivismus übernehmen sollte, so hat die Philosophie typischerweise das Ästhetische nicht nur mit ästhetischer Erfahrung, sondern zur ästhetischen Erfahrung erklärt.
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