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Hans Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, Klassiker Auslegen, Bd. 30

Hans Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, Klassiker Auslegen, Bd. 30

von: Günter Figal (Hrsg.)

Akademie Verlag GmbH, 2007

ISBN: 9783050041254, 263 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC,Mac OSX,Windows PC Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 17,80 EUR

Ersparnis: 2,00 EUR

Mehr zum Inhalt

Hans Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, Klassiker Auslegen, Bd. 30


 

Günter Figal:
1 Wahrheit und Methode zur Einführung (S. 1-2)

Gadamers Wahrheit und Methode ist ein spätes Werk. Als das Buch erschien, war sein Autor sechzig Jahre alt. Bis dahin hatte er zwar nicht unbedingt wenig veröffentlicht, aber doch kein wirklich bedeutendes Buch. Gadamers Dissertation mit dem Titel Das Wesen der Lust in den platonischen Dialogen (1922) ist bis heute ungedruckt, seine Habilitationsschrift Platos dialektische Ethik (1985a) aus dem Jahr 1931, vor Wahrheit und Methode sein einziges Buch, ist ein deutlich in der Nachfolge Heideggers geschriebener, sehr bemerkenswerter Beitrag zur Platonforschung. Als Kommentar des Dialogs Philebos, dessen Bedeutung für das Platonverständnis Gadamer erst entdeckt hat, ist das Buch immer noch unverzichtbar. Aber daß Gadamer heute als einer der wichtigsten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts gilt und nicht nur als kundiger Erforscher der antiken Philosophie, nicht nur als umfassend gebildeter Gelehrter mit deutlichem Hang zur Gelegenheitsarbeit, geht allein auf Wahrheit und Methode zurück.

Dem Buch folgt kein weiteres nach. Was Gadamer später an systematischen Arbeiten verfaßt hat, ist Ergänzung, Modifikation, in mancher Hinsicht auch Selbstkritik seiner – wie der Untertitel des Buches lautet – Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Die späteren Arbeiten zur Hermeneutik weisen auf den Entwurf von 1960 zurück. Entsprechend sind eine Reihe von Gadamers früheren Schriften Vorbereitungen oder, wie er es selbst nennt, „Vorstufen" (GW 2, V) für das spätere Buch. Praktisches Wissen, ein Aufsatz aus dem Jahr 1930 (Gadamer 1985b), entwickelt erstmals Überlegungen, die als Beitrag zur „hermeneutischen Aktualität des Aristoteles" (GW 1, 317–329) in Wahrheit und Methode aufgenommen sind. Gadamer hat als früheste Vorstufe eine Ar beit aus dem Jahr 1943 in den zweiten Band seiner Gesammelten Werke aufgenommen: Das Problem der Geschichte in der neueren deutschen Philosophie (GW 2, 27–36). Ebenso würden eine Arbeit aus dem Jahr 1939, Hegel und der geschichtliche Geist (Gadamer 1987), und ein Text Über die Festlichkeit des Theaters (Gadamer 1993) hierher gehören.

Den Impuls, der schließlich zu Wahrheit und Methode führte, empfing Gadamer in seinen frühen akademischen Jahren. Gerade promoviert und kaum von einer schweren Polio-Erkrankung genesen, verbrachte Gadamer das Sommersemester 1923 in Freiburg. Der Entschluß, von Marburg nach Freiburg zu wechseln, ging vor allem auf die Lektüre eines Manuskriptes zurück, das dem jungen Gadamer von seinem Doktorvater Paul Natorp zur Lektüre überlassen worden war. Es handelt sich um den Text, mit dem der Freiburger Privatdozent Martin Heidegger sich um eine Professur in Marburg beworben hatte, eine gedrängte programmatische Skizze zu einem Aristoteles-Buch, das nie geschrieben wurde. Stattdessen entwickelte sich aus den für die Einleitung des Aristoteles- Buches vorgesehenen Überlegungen der systematische Kern von Sein und Zeit (Heidegger 1977). Gadamer hat dieses 1922 verfaßte Manuskript, Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles. Anzeige der hermeneutischen Situation, den so genannten „Natorp-Bericht" (Heidegger 2005) zeitlebens hoch geschätzt. Er hat es als ein besonderes Glück empfunden, daß der verloren geglaubte Text schließlich wiedergefunden und 1989 im Dilthey-Jahrbuch (Heidegger 1989) veröffentlicht wurde.