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Willensfreiheit und Determinismus Band I: Die Bedeutung des Willensfreiheitsproblems

Willensfreiheit und Determinismus Band I: Die Bedeutung des Willensfreiheitsproblems

von: Gottfried Seebaß

Akademie Verlag GmbH, 2007

ISBN: 9783050043395, 237 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 34,80 EUR

Ersparnis: 5,00 EUR

Mehr zum Inhalt

Willensfreiheit und Determinismus Band I: Die Bedeutung des Willensfreiheitsproblems


 

III. Der geistesgeschichtliche Hintergrund (S. 79-80)

1. Verdacht der historischen Relativität

1.1 Antiquiertheit der Fragestellung?


Im ersten Kapitel wurde die Frage nach dem Zusammenhang von Willensfreiheit und Determiniertheit allgemein eingeführt, im zweiten der Stellenwert eingegrenzt, den sie im Rahmen der Frage nach menschlicher Verantwortlichkeit insgesamt hat. Dabei wurde ihr Sinn nur in groben Zügen umrissen und als solcher nicht in Frage gestellt. Das war, so könnte man argwöhnen, vielleicht zu unbekümmert und unreflektiert. Denn nicht wenige Philosophen bezweifeln oder bestreiten den Sinn der Frage, teilweise sogar vehement und verstärkt zu einer Grundsatzkritik am Willensfreiheitsproblem im ganzen. So hat Moritz Schlick, der Hauptvertreter des „Wiener Kreises" und einer der Mitbegründer der Analytischen Philosophie, nur noch vom „sogenannten Problem der Willensfreiheit" gesprochen, das lediglich „durch ein Mißverständnis zu einem viel erörterten Problem" geworden sei und zu Unrecht als „Grundfrage der Ethik" gelte:

Dabei ist diese Scheinfrage durch die Bemühungen einiger gescheiter Köpfe längst erledigt worden […], ganz besonders klar durch Hume, und es ist wirklich einer der größten Skandale der Philosophie, daß immer noch soviel Papier und Druckerschwärze an diese Sache verschwendet werden. Und schon ein knappes Jahrhundert früher hatte sich Schopenhauer über „gedankenlose Philosophaster" und „Ignoranten" aufgeregt, die immer noch die Freiheit des Willens verkünden würden und „Alles, was seit zwei Jahrhunderten große Denker darüber gesagt haben, in den Wind schlagen".59 Der erste der hier zitierten großen Denker ist Hobbes, den Schopenhauer in einem problemgeschichtlichen Rückblick auch als denjenigen präsentiert, der in der Willensfreiheitsdebatte „zuerst der Sache auf den Grund gekommen" sei.60 Tatsächlich läßt sich in der Philosophie, aber auch sonst in der Geistesgeschichte der Neuzeit, eine ausgeprägte Tendenz zur Verabschiedung unseres Problems beobachten. 61 Seit längerer Zeit schon hält die weit überwiegende Mehrheit der Philosophen zumindest das alte Problem von „Willensfreiheit und Determinismus" für historisch überholt und sachlich bedeutungslos.

Der amerikanische Analytiker Donald Davidson z.B. hat es nur noch für nötig gehalten, auf eine kurze Galerie philosophischer Ahnen (darunter Hobbes, Hume und Schlick) zu verweisen, die alles Nötige schon getan hätten, um „die Konfusionen auszuräumen, die den Anschein erwecken können, der Determinismus höbe die Freiheit auf".

Nun sind brüske Verabschiedungen wie diese immer etwas verdächtig, zumal bei Autoren, die (wie Schlick und Davidson) auch sonst mit der Diagnose von „Scheinproblemen" und „endgültigen Antworten" auf große Fragen der Tradition rasch bei der Hand sind. Oft genug schließlich haben sich Ansprüche dieser Art später als übereilt, stark problemverkürzend oder einfach naiv herausgestellt und ihre Verfasser im Rückblick eher blamiert. Auffällig ist zudem, daß die Bemühungen, Andersdenkende – innerhalb wie außerhalb der Philosophie – von der Hinfälligkeit des Problems zu überzeugen, unvermindert und in immer neuen gedanklichen Anläufen andauern, also trotz seiner angeblichen jahrhundertealten „Erledigung" bis heute offenbar immer noch nötig sind.63 Aufklärung braucht ihre Zeit, gewiß. Fragestellungen aber, die sich später tatsächlich als scheinhaft oder begrifflich verwirrt erwiesen haben, bedürfen derart langer missionarischer Nacharbeit gewöhnlich nicht. Vorsicht ist deshalb angebracht.