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Panajotis Kondylis - Aufklärer ohne Mission.

Panajotis Kondylis - Aufklärer ohne Mission.

von: Falk Horst (Hrsg.)

Akademie Verlag GmbH, 2007

ISBN: 9783050043166, 207 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 34,80 EUR

Ersparnis: 5,00 EUR

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Panajotis Kondylis - Aufklärer ohne Mission.


 

Peter Furth
Aufklärer ohne Mission - Über die Position von Panajotis Kondylis(S. 53-54)
Kondylis meinte, eine Philosophie sei am besten über ihre Gegnerschaften zu begreifen. Hier soll von einer anderen Seite her versucht werden, die Kondylissche Position auszumachen, gewissermaßen von innen her, von Fragen und Problemen aus, die auf dem eigenen Terrain seines Denkens liegen, nämlich innerhalb der Zurechnungen, in die Kondylis selbst sein Denken stellte oder die doch im Umkreis davon liegen. Die Spur dazu legt die Rolle, die die Paradoxie bei Kondylis hat. Sie ist für ihn nicht Stilmittel wie für den Aphoristiker, sondern Mittel der Gedankenführung insbesondere beim Stellen der Probleme.

Sie ist aber auch als Ausdruck einer Erkenntnishaltung eine ungelöste Spannung, die durch das ganze Werk geht. Bezieht man das Denken von Kondylis auf die Disziplinen, Richtungen und Problemlagen, denen er sich selbst zuordnete, so bemerkt man bald die Sperrigkeiten und Unstimmigkeiten, die erklärt sein wollen, wenn man das Kondylissche Denken aus ihm eigenen oder doch naheliegenden Zuordnungen verstehen will. So ist Kondylis zweifellos ein Aufklärer, aber ein Aufklärer ohne Mission. Der Ideologietheoretiker Kondylis tritt nicht als Ideologiekritiker hervor, sondern glänzt in der Rolle eines Ideenhistorikers, der ohne den Begriff des falschen Bewußtseins auskommt. Und die von Kondylis behauptete theoretische Überlegenheit seines Materialismus manifestiert sich im Aufweis der praktischen Überlegenheit idealistischer Weltsicht. Solche paradoxalen Befunde machen den Versuch, die Kondylissche Position zu bestimmen, nicht gerade einfach, aber sie zeigen auch, welche Fragen zu stellen und welche Scheinlösungen zu vermeiden sind, wenn man die Positionsbeschreibung an der von Kondylis selbst herangezogenen philosophischen Tradition und seiner eigenen Begrifflichkeit orientiert.

Das bedeutet, daß die Beschaffenheit des Materialismus, in den Kondylis sein Denken einreiht, im Mittelpunkt der Überlegungen steht und daß im Zusammenhang damit zu fragen ist, wie sich Materialismus alsWeltanschauung und als hermeneutisches Konstrukt („deskriptiver Dezisionismus") zueinander verhalten. Kondylis schreibt am Ende von „Macht und Entscheidung": „Ich finde es aufregend und spannend, daß auf diesem Planeten die Materie oder die Energie, wie man will, zum Bewußtsein von sich selbst gekommen ist, daß es Wesen gibt, die in ihrem Machterweiterungsstreben den ‚Geist‘ in der ganzen Vielfalt seiner Formen und seiner erstaunlichen Spiele erzeugen und sich am liebsten mit Hilfe von Glaubenssätzen und Theorien gegenseitig vernichten." Kondylis gibt hier seine Antwort auf die berühmte Grundfrage der Philosophie: Es gibt ein Erstes, das alles Weitere, auch das Gegenteil seiner selbst generiert, das nicht nur Anfang, sondern alles ist und das lediglich durch diesen Status, Erstes und Alles zu sein, bestimmt ist, was aber inhaltlich eine leere Bestimmung ist, die sozusagen dadurch erst aufgefüllt wird, daß das Erste nicht das von ihm abhängige Gegenteil, Geist, ist. Das Erste, Materie oder Energie, wie Kondylis sagt, ist also eigentlich nur negativ zu fassen: als Nicht-Geist.

Aber dadurch, daß dieses Erste alles ist, ist auch festgelegt, daß es, obwohl selber nur als Reflex des Geistes bestimmt, die Macht über den Geist behält und der Geist nicht selbständig werden kann. Was Kondylis in diesem Satz aus „Macht und Entscheidung" als Grundannahme seiner Theorie formuliert, ist eine metaphysische Black Box. Oder anders: Materie ist im Kondylisschen Ansatz gewissermaßen ein Grenzbegriff, der ein Ding an sich anzeigt, das im „hermeneutisch unzugänglichen" (M.u. E., 21) Jenseits einer Grenze liegt, deren Diesseits allein erkennbar und deshalb theoretisch relevant ist. Erst von da an, „wo die Regungen der organischen Materie zu dem werden, was wir Denken und Geist zu nennen pflegen" (M. u. E., 21), wo die Materie die Gestalt von Gesellschaft und Kultur angenommen hat, ist Materialismus als wissenschaftliches Unternehmen möglich. Der Materialismus, den Kondylis vertritt, ist also eingeengt auf die anthropologische Perspektive, die naturphilosophische Dimension mitsamt dem ontologischen Unterbau, wie ihn einstmals Holbachs „System der Natur" oder der dialektische Materialismus des Marxismus-Leninismus lieferten, bleiben ausgeklammert.