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Baruch de Spinoza - Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt

Baruch de Spinoza - Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt

von: Michael Hampe, Robert Schnepf (Hrsg.)

Akademie Verlag GmbH, 2006

ISBN: 9783050041261, 343 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 17,80 EUR

Ersparnis: 2,00 EUR

  • Philosophische Bibliothek, Bd.505, Kritik der reinen Vernunft.
    G. W. F. Hegel: Wissenschaft der Logik
    Martin Heidegger: Sein und Zeit (Klassiker Auslegen, Bd. 25)
    Kant - Kritik der reinen Vernunft (Klassiker Auslegen, Bd. 19)
    Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus
    Gottfried Wilhelm Leibniz: Monadologie. (Klassiker auslegen, Band 34)
    Nietzsche. Eine philosophische Einführung.
    Ästhetik - Philosophische Grundlagen und Schlüsselbegriffe
  • Kulturtheorien der Gegenwart - Ansätze und Positionen
    Sämtliche Werke: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt: 2
    Edmund Husserl: Logische Untersuchungen (Klassiker auslegen, Band 35)

     

     

     

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Baruch de Spinoza - Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt


 

Ursula Renz
6. Die Definition des menschlichen Geistes und die numerische Differenz von Subjekten (2p11–2p13s) (S. 101-102)

Wer sich ausgehend von Spinozas Ethica Gedanken über seine eigenen Erfahrungen macht, stößt irgendwann auf ein fundamentales Problem: Wie kommt es, daß ich mir bestimmte Erfahrungen zuschreiben und sie gleichzeitig einem anderen absprechen kann? Stellen wir uns vor, ich treffe auf einen alten Schulfreund, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Wir tauschen Neuigkeiten aus, und er erzählt mir euphorisch von der Bergtour, die er am Wochenende unternommen hat. Ich kenne diese Tour sehr gut, da ich sie vor einigen Jahren selbst gemacht habe. Mein Ausflug auf den Berg endete aber tragisch, weil der Freund, der mich dabei begleitete, auf dem Abstieg schwer verunfallte und später an den Folgen starb. Die Erzählung des Schulfreundes, so können wir uns leicht vorstellen, wird auf mich eine Wirkung haben, die der Freund selbst, der meine Erlebnisse nicht kennt, kaum nachvollziehen kann. Da es nicht der Ort ist, ihm darüber zu berichten, werde ich versuchen, ihm nicht zu zeigen, was sein Bericht in mir auslöst, und ich werde mir innerlich sagen, daß seine Erinnerung an den Ausblick, den man von jenem Gipfel aus genießt, eine andere ist als die meinige.

Ein solches Verhalten setzt neben anderen Bedingungen, die hier nicht diskutiert werden können, voraus, daß ich und der Erzähler zwei verschiedene Subjekte sind. Wenn mein Freund mir von der Tour berichtet, wird mir seine Erzählung nicht eo ipso zur eigenen Erfahrung, sondern sein Bericht schreibt sich vielmehr in meine eigene Lebensgeschichte ein und evoziert im Zusammenhang mit dieser eigene Assoziationen. Daß ich eine qualitativ abweichende Erfahrung mit dem Namen dieses Berges verbinde als mein Freund, ist u.a. davon abhängig, daß zwischen uns eine numerische Differenz besteht und daß ich mir dieser Differenz bewußt bin.

Als Leser der Ethica wird man sich fragen, wie im Rahmen des hier entwickelten Ansatzes die numerische Differenz zwischen verschiedenen Subjekten theoretisch eingeholt wird. Die Antwort liegt keineswegs auf der Hand. Dabei ist weniger ausschlaggebend, daß Spinoza den modernen Begriff des Subjekts im Sinne eines sich selbst bewußten Wesens noch nicht zur Verfügung steht. Zwar hat der Ausdruck „subjectum" in der Ethica tatsächlich nicht die heutige bewußtseinstheoretisch angereicherte Bedeutung, sondern er wird im traditionellen, d.h. logisch-ontologischen Sinne als res singularis verwendet, der wir, als einem grammatischen Subjekt, bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Dennoch läßt sich das Problem, wie gerade der Blick auf die numerische Differenz von Subjekten deutlich macht, nicht so leicht wie die Terminologien historisieren. Was es bedeutet, wenn wir uns andere Gedanken zuschreiben als unseren Nachbarn, mußten Philosophen schon früher erklären können.

Entscheidender für die Schwierigkeiten, der numerischen Differenz von Subjekten ausgehend von der Ethica Rechnung zu tragen, ist, daß Spinoza – anders als Descartes, anders aber auch als Aristoteles oder Thomas von Aquin – an der Stelle nicht auf den Substanzbegriff zurückgreifen kann. Da es ihm zufolge nur eine einzige Substanz gibt (vgl. dazu Della Rocca in diesem Band), kann die Differenz verschiedener Subjekte nicht als Verschiedenheit von Substanzen gefaßt werden. Umgekehrt kann der Spinozanische Begriff des Modus auf zu viele Dinge angewendet werden, als daß er ohne zusätzliche Bestimmungen das Besondere dieser Differenz erklären könnte. Er mag dazu taugen, auf einer allgemein metaphysischen Ebene über die begrifflichen Grundlagen der numerischen Unterscheidung von Einzeldingen nachzudenken (vgl. dazu Hartbecke 2006), doch um zu erklären, weshalb wir uns als menschliche Subjekte unterscheiden, taugt er nicht. Auch zwei Regentropfen sind in Spinozas Terminologie zwei unterschiedliche Modi, doch sie werden in dem Moment einer werden, in dem sie miteinander in Kontakt kommen.