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Platon: Politeia (Klassiker Auslegen, Bd. 7)

Platon: Politeia (Klassiker Auslegen, Bd. 7)

von: Platon, Otfried Höffe

Akademie Verlag GmbH, 2005

ISBN: 9783050041636, 395 Seiten

2. Auflage

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 17,80 EUR

Ersparnis: 2,00 EUR

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Platon: Politeia (Klassiker Auslegen, Bd. 7)


 

Robert Spaemann

Die Philosophenkönige
(Buch V 473b –VI 504a) (S. 161-162)

„Wofern nicht – begann ich – entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten, oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, und dieses beides in einem zusammenfällt, Macht im Staate und Philosophie, den meisten Naturen aber unter den jetzigen, die sich einem von beiden ausschließlich zuwenden, der Zugang mit Gewalt verschlossen wird, gibt es, mein lieber Glaukon, keine Erlösung vom Übel für die Staaten, ich glaube aber auch nicht für die Menschheit, noch auch wird diese Verfassung, wie wir sie eben dargestellt haben, je früher zur Möglichkeit werden und das Sonnenlicht erblicken" (473d ff.). Dieser berühmte Satz, von dem Sokrates erwartet, daß er ihm eine Gischtwelle von Hohn und Spott einbringen wird, bildet fast genau die Mitte der Politeia. Und zwar beginnt mit diesem Satz ein zweiter Teil. Der erste Teil führt am Beispiel der Polis, d. h. „in großen Buchstaben" (II 368d), das Wesen der Gerechtigkeit vor.
Der zweite Teil handelt von den Realisierungsbedingungen und den Gründen für den Verfall des Staates und – analog – der Seele. Glaukon gesteht Sokrates zu: der von ihm konstruierte Staat, der auf der rationalen Hierarchie der Künste beruht, ist der beste, d. h. der gerechteste und der unüberwindlichste Staat. Aber ist er auch realisierbar? Sokrates bezeichnet diese Frage als „dritte Welle" (471e) und hält sie für die „größte und gefährlichste". Als erste und zweite Welle hatte er das Problem der gleichen Funktionen für Männer und Frauen und das Problem der Entindividualisierung der Elternschaft bei den Wächtern bezeichnet (457b). Worin besteht die Gefährlichkeit? Sie besteht darin, in Dingen als Lehrer aufzutreten, in Bezug auf die man selbst kein Wissen, sondern nur eine vorläufige Meinung hat (450d ff.).

Die Frage nach der Möglichkeit des Staates der Politeia hatte Sokrates schon früher (457e) als berechtigt zugestanden, aber ihre Beantwortung aufgeschoben. Damals hatte er es als Trägheit bezeichnet, dieser Frage auszuweichen. Die Frage nach der Möglichkeit erschien dort als Test auf die innere Konsistenz und Unbeliebigkeit des Entwurfs. Jetzt, wo Sokrates sich anschickt, die Frage zu beantworten – versuchsweise, sonst wäre es nicht „gefährlich" –, tut er es widerstrebend und mit dem Hinweis darauf, daß sie nicht eigentlich das Thema betrifft. Was ist dieses Thema? Ist die Politeia primär ein Buch über den Staat oder über die Seele? Sokrates beginnt seine Ausführungen mit einer eindeutigen Antwort. Es ist weder Staat noch Seele, sondern das „Wesen der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit" (472b), das paradeigma bzw. „die Gerechtigkeit selbst" (472c).

Gerechtigkeit ist ein eidos. Die Seele als „Ort der Ideen" ist nicht selbst eine Idee, und der Staat ist es auch nicht. Deshalb kann es weder von der Seele noch von der Polis eigene Wissenschaften geben, sondern nur vom paradeigma agathês poleôs (472d), von der guten Polis. Was aber die Polis zu einer guten macht, ist nicht, daß sie einer Idee der Polis ähnlich ist, sondern daß sie teilhat an der aretê der Gerechtigkeit (432b). Und dasselbe ist es, was die Seele zu einer guten Seele macht. Die Gerechtigkeit verhält sich zur Seele und zur Polis, wie sich eine Zahl oder geometrische Proportion verhält zu verschiedenen physikalischen Gegenständen, in denen sie exemplifiziert sind. Aus einem Grund, der noch zu nennen ist, ist die Gerechtigkeit in der gerechten Seele vollkommener realisiert als im Staat. Am Beispiel des Staates läßt sie sich aber anschaulicher machen. Nun kann man allerdings auch reine Mathematik treiben, und für Mathematiker ist das sogar das Befriedigendste. Eine entsprechende „reine Axiologie" gibt es bei Platon nicht.