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Karl der Große

von: Matthias Becher

Verlag C.H.Beck, 2014

ISBN: 9783406664045 , 128 Seiten

6. Auflage

Format: ePUB, PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 7,99 EUR

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Karl der Große


 

Einleitung


Wie kein anderer mittelalterlicher Herrscher ist Karl der Große auch heute noch einem breiteren Publikum bekannt. Mit seiner Person verbindet man fast automatisch die Vorstellung von historischer Größe. In anderen europäischen Sprachen sind Name und Beiname sogar zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen: Charlemagne oder Carolomagno. Ohne Zweifel war er ein bedeutender Herrscher, wie ist es aber um seine Persönlichkeit bestellt? Was wissen wir über den Charakter und die menschlichen Qualitäten des „großen Karl“? Anders als bei anderen Herrschern ist für die Beantwortung dieser Frage die Quellenlage für Karl vergleichsweise gut. Besitzen wir doch aus der Feder eines engen Vertrauten eine Lebensbeschreibung Karls, die nahezu zeitgenössisch ist. Der aus einem ostfränkischen Adelsgeschlecht stammende und umfassend gebildete Einhard war Ende des 8. Jahrhunderts an Karls Hof gekommen und hatte rasch Karriere gemacht. Seine Vita Karoli magni verfaßte er rund zehn Jahre nach dem Tod des Kaisers. Allgemein beschränkten sich mittelalterliche Beobachter eines Monarchen zumeist darauf, ihn als einen idealen Herrscher darzustellen, der einem allgemeingültigen christlichen Tugendkatalog vorbildlich entsprach. Der individuelle Charakter war dagegen uninteressant. Einhard verzichtete zwar auf die Hervorhebung der christlichen Tugenden, betonte aber auch seinerseits allgemeingültige, statische Eigenschaften: Karl habe etwa „alle Herrscher seiner Zeit an Weisheit und Seelengröße“ überragt. Seine Ausführungen über das Privat- und Familienleben des Kaisers leitete Einhard mit einem Verweis auf dessen Beständigkeit in Glück und Unglück ein. Die Feindschaft der byzantinischen Kaiser habe er ebenfalls mit großer Geduld und Seelengröße ertragen. Daneben zeichnet Einhard aber auch ein äußerst lebendiges Bild Karls des Großen:

Er war von breitem und kräftigem Körperbau, hervorragender Größe, die jedoch das richtige Maß nicht überschritt – denn seine Länge betrug, wie man weiß, sieben seiner Füße –, das Oberteil seines Kopfes war rund, seine Augen sehr groß und lebhaft, die Nase ging etwas über das Mittelmaß, er hatte schönes graues Haar und ein freundliches, heiteres Gesicht. So bot seine Gestalt im Stehen wie im Sitzen eine höchst würdige und stattliche Erscheinung, wiewohl sein Nacken feist und zu kurz, sein Bauch etwas hervorzutreten schien: das Ebenmaß der andern Glieder verdeckte das. Er hatte einen festen Gang, eine durchaus männliche Haltung des Körpers und eine helle Stimme, die jedoch zu der ganzen Gestalt nicht recht passen wollte; seine Gesundheit war gut, außer daß er in den vier Jahren vor seinem Tode häufig von Fiebern ergriffen wurde und zuletzt auch mit einem Fuße hinkte. Aber auch damals folgte er mehr seinem eigenen Gutdünken als dem Rat der Ärzte, die ihm beinahe verhaßt waren, weil sie ihm rieten, dem Braten, den er zu speisen pflegte, zu entsagen und sich an gesottenes Fleisch zu halten. Beständig übte er sich im Reiten und Jagen, wie es die Sitte seines Volkes war. (…) Sehr angenehm waren ihm auch die Dämpfe warmer Quellen; er übte sich fleißig im Schwimmen und verstand das so trefflich, daß man ihm keinen darin vorziehen konnte. Darum erbaute er sich auch zu Aachen einen Königspalast und wohnte in seinen letzten Lebensjahren bis zu seinem Tode beständig darin. Und er lud nicht bloß seine Söhne, sondern auch die Vornehmen und seine Freunde, nicht selten auch sein Gefolge und seine Leibwächter zum Bade, so daß bisweilen hundert und mehr Menschen mit ihm badeten.[1]

So groß wird das Gedränge vielleicht doch nicht gewesen sein, da Einhard zu Übertreibungen neigte, oft zugunsten seines Helden und zu dessen Idealisierung. Einhard lehnte sich zudem in seinen Formulierungen eng an die Viten, die Lebensbeschreibungen, der römischen Kaiser aus der Feder des antiken Autors Sueton an. Nur wenige Details hat er frei formuliert. Seine Angabe über Karls Körpergröße wurde durch Messungen an dessen Skelett in etwa bestätigt; der Kaiser war tatsächlich über 1,80 Meter groß, entsprechend sieben Fuß. Immerhin erwähnte er kleine äußerliche Makel des großen Herrschers: die Riesennase, den kurzen Hals, den Hängebauch und die Fistelstimme, so daß vielleicht auch anderen Angaben zu trauen ist. Den Charakter des Herrschers thematisiert unser Gewährsmann nicht eigens, doch lassen sich manche Schwächen zumindest erahnen – Eigensinn, die Neigung zur Völlerei und der Drang, ständig im Mittelpunkt einer großen Gesellschaft stehen zu müssen. Das spiegelt sich in Einhards Feststellung, daß Karl leicht Freundschaften geschlossen habe, also ein sehr offener Mensch gewesen sei. Die Vorliebe für gutes Essen muß sehr eindrücklich gewesen sein, denn Einhard betonte auch an anderer Stelle den Appetit des Kaisers: „Im Essen jedoch konnte er nicht so enthaltsam sein, vielmehr klagte er häufig, das Fasten schade seinem Körper“. Trunkenheit jedoch habe er stets verabscheut, nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen.

Auch andere persönliche Züge läßt Einhard aufscheinen, so etwa eine gewisse Redseligkeit: „Reich und überströmend floß ihm die Rede vom Munde, und was er wollte, konnte er leicht und klar ausdrücken. () Er war so beredt, daß er sogar geschwätzig erscheinen konnte“. Dieser nach außen gewandte Charakter zeigte sich besonders deutlich bei traurigen Anlässen. Karl habe den Tod seiner Söhne und einer Tochter „mit weitaus weniger Fassung (ertragen), als man bei der bewundernswerten Größe seines Geistes erwartet hätte. Seine Vaterliebe war so groß, und er vergoß viele Tränen. Auch damals, als er vom Tode des römischen Papstes Hadrian erfuhr, den er von allen seinen Freunden am meisten geliebt hatte, weinte er so sehr, als habe er einen Bruder oder seinen liebsten Sohn verloren“. Die Liebe zu seinen Töchtern sei so groß gewesen, daß er ihnen nicht gestattet habe zu heiraten. Das Bild eines geselligen Patriarchen entsteht vor unseren Augen, der in persönlichen Angelegenheiten auch bescheiden sein konnte; so habe Karl große Gastmähler nur an hohen Festtagen veranstaltet, fast immer einfache Kleidung getragen und nur bei feierlichen Gelegenheiten entsprechende Gewänder oder gar fremdländische Roben angelegt.

Weiter pflegte Karl laut Einhard einen unregelmäßigen Lebenswandel, der stark an den des ersten römischen Kaisers Augustus erinnert: Während er im Sommer nach dem Mittagessen zwei bis drei Stunden ruhte, unterbrach er nachts „den Schlaf vier- oder fünfmal, indem er nicht bloß aufwachte, sondern auch aufstand. Während er Schuhe und Kleider anzog, ließ er nicht allein seine Freunde vor, sondern wenn der Pfalzgraf von einem Rechtsstreite sprach, der nicht ohne seinen Ausspruch entschieden werden könne, so hieß er die streitenden Parteien sofort hereinführen und sprach nach Untersuchung des Falls das Urteil, als säße er auf dem Richterstuhl; und das war nicht das einzige, sondern was er für diesen Tag von Geschäften zu tun und einem seiner Diener aufzutragen gab, das besorgte er zu dieser Stunde“. Des Nachts soll Karl auch das Schreiben geübt haben, allerdings mit wenig Erfolg. Schreiben und Lesen bildeten im Mittelalter keine Einheit; so ist es umstritten, wie weit Karls Lesekünste reichten. Seine Wißbegierde trieb ihn jedenfalls dazu, sich mit den Wissenschaften seiner Zeit zu beschäftigen. Selbst für die Astronomie und den Lauf der Gestirne interessierte er sich, und bei Tisch ließ er sich gar aus den Werken des heiligen Augustin vorlesen. Ob er allerdings wirklich ein persönliches Interesse an höherer Bildung hatte, muß dahingestellt bleiben. Zur Tischlektüre gehörten immerhin laut Einhard auch „die Geschichten und Taten der Alten“, und auch Musik wurde zu Gehör gebracht. Mit beidem konnte der Herrscher vermutlich mehr anfangen als mit jenen hochgelehrten Traktaten.

Trotz der eindrücklichen Beschreibung seines Äußeren und mancher Charakterzüge Karls wird es nicht möglich sein, eine Biographie über ihn zu schreiben, die modernen Anforderungen genügt; zu sehr ist Einhards Darstellung bestimmten Stereotypen verhaftet, und zudem fehlen persönliche Dokumente, die über Karls Denken und Fühlen Auskunft geben könnten. Erhalten haben sich lediglich Quellen, die seine Handlungen einigermaßen ausführlich schildern und daher eine politische Biographie zulassen. Doch auch mit diesem reduzierten Anspruch stößt der moderne Historiker bald an seine Grenzen: Über seine Motive schweigen sich die Quellen meist aus. Daher ist etwa auch die Frage nach seinem Erfolg letztlich nicht eindeutig zu beantworten. Sicherlich war etwa die Eroberung Sachsens ein Gewinn für das Frankenreich; aber war es ein Erfolg angesichts der Opfer und angesichts der Tatsache, daß Karl hierfür rund 30 Jahre benötigte? So ist dieses Bändchen wie jede andere moderne Biographie eines früh- und hochmittelalterlichen Herrschers eine individuelle...