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In die Freiheit geworfen - Positionen zur deutsch-französischen Kunstgeschichte nach 1945
Museum der Gegenwart – Fortsetzung nach 1945? (S. 107-108)
Lucius Grisebach
Vor dem Krieg
Museum der Gegenwart war der Titel jener Zeitschrift, die wir – auch wenn sie nur in wenigen Ausgaben zwischen 1930 und 1933 erschienen ist – im Rückblick heute als die Programmschrift des modernen Kunstmuseums in Deutschland ansehen dürfen.1 Sie nannte sich im Untertitel Zeitschrift der deutschen Museen für neuere Kunst. Ihr Herausgeber war Ludwig Justi, Direktor der Nationalgalerie Berlin, unterstützt durch Alexander Dorner (Provinzialmuseum Hannover), Ernst Gosebruch (Museum Folkwang in Essen), Gustav Hartlaub (Städtische Kunsthalle in Mannheim), Max Sauerlandt (Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg), Alois Schardt (Städtisches Museum in Halle und dort Nachfolger von Sauerlandt) sowie Wilhelm Wartmann (Kunsthaus Zürich) als Mitherausgeber. Als Schriftleiter fungierte Alfred Hentzen, seit 1927 »wissenschaftlicher Hilfsarbeiter«, später Kustos an der Berliner Nationalgalerie.2 Die Liste der ständigen Mitarbeiter auf der Innenseite des Umschlages umfaßt 43 Namen und stellt die Gesamtheit aller Museumsdirektoren und Kustoden dar, die sich damals in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die Kunst der Gegenwart ins Zeug legten – von Saarbrücken bis Königsberg, von Basel bis Kiel, von Oldenburg bis Wien, aber auch in Elberfeld und Barmen, in Zwickau und Chemnitz, Stettin oder Breslau. Justis Vorwort zum ersten Heft des ersten Jahrgangs 1930 beginnt mit dem selbstbewußten Satz: »Die öffentlichen Sammlungen für die Kunst unserer Zeit werden im deutschen Sprachgebiet mit einer vielfältigen Lebendigkeit geführt wie in keinem anderen Lande Europas.« Dieser »vielfältigen Lebendigkeit« der deut- schen Museumsszene stellt es die ganz anderen französischen Verhältnisse gegenüber:
»Reist man durch Frankreich, so findet man in den Museen der ›Provinz‹ wohl viel Einzelnes von Wert, aber als verlorene Einschlüsse innerhalb versteinerter Ablagerungen aus der chaotischen Masse des Staatsbesitzes. Keine Beziehung zu unserer Zeit, noch nicht einmal die großen französischen Impressionisten findet man, wie in den deutschen Museen von Mannheim bis Dresden, von Hamburg bis Wien, keine Beziehung zu örtlichen Belangen, in Arles nichts von van Gogh, in Aix von Cézanne nur eine Schulzeichnung«.
Besuche man hingegen die Städte entlang des Rheins, ergebe sich ein ganz anderes Bild. Dort reihe sich ein Museum an das andere, das seiner Verantwortung gegenüber Geschichte und Gegenwart nachkomme:
»Zürich, Winterthur, Basel, Freiburg, Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Köln und dann weiter ins Industriegebiet hinein, Stadt an Stadt – welche Lebendigkeit der öffentlichen Sammlungen, immer verschieden nach den geschichtlichen Bedingungen, mannigfaltig in Voraussetzungen und Möglichkeiten, Aufgaben und Zielen.«
Vor diesem Hintergrund formuliert Justi als Ziel der neuen Zeitschrift:
»Die Tätigkeit der Museen im Auslande soll berücksichtigt werden, besonders der amerikanischen, die sich lebendig und vielseitig um die Kunst unserer Zeit bemühen. Unsere erste Aufgabe aber scheint uns zunächst der geistige Zusammenschluß der Museen im deutschen Sprachgebiet, welche sich ernsthaft für das Schaffen der Gegenwart einsetzen, die Darstellung und damit die Förderung ihrer schwierigen und wichtigen Arbeit.«
Als erster Aufsatz des ersten Heftes erschien programmatisch ein Grundsatzreferat, das Max Sauerlandt unter dem Titel Die deutschen Museen und die Gegenwartskunst 1929 auf der Tagung des Deutschen Museums-Bundes in Danzig gehalten und in dem er weitreichende berufsethische Forderungen für diese Institution des modernen Kunstmuseums formuliert hatte.
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