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1 Wie lassen sich Körper, Kunst und Traumatologie in einer zeitgemäßen Psychotherapie integrieren? (S. 1)
Sabine Trautmann-Voigt und Bernd Voigt
1.1 Fragen, die das Buch zu beantworten versucht
Nicht erst seit in New York die Twin Tower des World Trade Centers einstürzten, müssen sich westliche Gesellschaften im Allgemeinen und moderne Psychotherapeuten im Besonderen mit extremen Formen traumatisierender Gewalt und der Integration neuer Techniken in traditionelle Psychotherapieverfahren auseinandersetzen.
Wissenschaftliche Weiterentwicklungen , gesellschaftlicher mainstream und Forschungsinteressen sind dabei bekanntermaßen die eine Seite, der klinische Alltag ist die andere Seite.
Psychotherapeutische Integrationsbemühungen entstehen häufig aus den praktischen Erfahrungen im Umgang mit den Patienten. Je nach Störungsbild und Kontextvariablen müssen im klinischen Alltag Vertreter verschiedener psychotherapeutischer Richtungen zum Wohle der Patienten und unter Berücksichtigung streng vorgegebener Zeitfenster miteinander auskommen.
In den meisten Kliniken ist es üblich, dass Verhaltenstherapeuten, Kunsttherapeuten, Bewegungstherapeuten und Mediziner, um nur einige zu nennen, im selben Team sitzen und sich über ihre Patienten austauschen. Sie sprechen nicht immer dieselbe Sprache.
Veränderungsbemühungen, die sich auf gemeinsame Patienten beziehen, sind also auf eine gewisse Toleranz , auf Offenheit und Mut angewiesen, da es darum geht, sich über verschiedene »Wege der Heilung« zu verständigen.
Hinzu kommt, dass verschiedene Methodenvertreter durchaus auch ein unterschiedliches Ansehen genießen, was sich in unterschiedlich bewertetem sozialem Status und in unterschiedlichen Machtbefugnissen zeigt: Wie sieht es zum Beispiel mit der Finanzierung von verschiedenen Therapieangeboten »zwischen Kunst und Krankenkasse« aus?
Wie steht es mit empirischen Nachweisen über plausible, aber bislang wenig empirisch untermauerte Patientenaussagen? Es ist zwar bekannt, dass Patienten zum Beispiel künstlerische und körpertherapeutische Therapiemethoden als hilfreich und förderlich einschätzen. Nur, wer fragt danach und gibt diesbezüglich Studien in Auftrag? Wie sieht es mit einer adäquaten und kompetenten Versorgung der zunehmend großen Anzahl traumatisierter Patienten aus?
Integrationsbemühungen in den Kliniken und in ambulanten psychotherapeutischen Praxen müssten nicht auf der einen Seite stehen und Forschung und Gesundheitspolitik auf der anderen. Doch zurzeit gelten, politisch betrachtet, kulturelle Ressourcen als wenig opportun. Haben Ansätze, die Kreativität und (Körper-) Kunst propagieren, unter dem wachsenden gesellschaftlichen Druck von Gesundheitsreform und Kostendämpfung überhaupt eine Chance ?
Schließlich muss man zur Kenntnis nehmen, dass der gesellschaftliche mainstream eigentlich keine Zeit mehr für körperliche Achtsamkeit und/oder zeitintensive ästhetisch-sinnliche Auseinandersetzungen bzw. »schöpferische« Prozesse hat.
»Effektive« Methoden sind die, die sich am schnellsten verbreiten und zugleich diejenigen, über deren Anwendung viele Studien vorliegen. Passen also, mit anderen Worten, die Ideen, die in diesem Buch angesprochen werden, überhaupt in eine »moderne Psychotherapie-Diskussion « hinein?
Geht es nicht im globalisierten 21. Jahrhundert, in dem sich heilkundlich engagierte Spezialisten zunehmend mehr mit Definitionen der »wirksamsten« Behandlungsmethoden für bestimmte ICD-10 definierte psychische Störungen befassen, um mehr Präzision als Körper und Kunst zusammen jemals in der Psychotherapie bieten können?
Benötigt die psychotherapeutische Gilde nicht vor allen Dingen kurze, gut strukturierte und manualisierte Behandlungsanleitungen anstatt eines »schöpferischen Chaos«, das an vergangen geglaubte Psychoselbsterfahrungszeiten erinnert?
Nichtsdestotrotz zielen die Autoren, die sich in diesem Buch versammelt haben, auf die besondere Bedeutung vielfältiger und besonders kultureller Ressourcen für Psychotherapie im Allgemeinen und Trauma-adaptierte Therapieverfahren im Besonderen ab.
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