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Entwicklungspsychiatrie - Biopsychologische Grundlagen und die Entwicklung psychischer Störungen
1 Entwicklungsbiologische Grundlagen (S. 1)
1.1 Entwicklungsethologie
I. Schlupp, R. Wanker
1.1.1 Einleitung
Die Entwicklung der Menschen ist von atemberaubender Faszination. Dies betrifft die Entwicklung des Menschen als Art, Homo sapiens, aus baumbewohnenden Primaten. Es betrifft ebenso die Entwicklung eines individuellen Menschen von einer befruchteten Eizelle bis zu einem erwachsenen, sich fortpflanzenden Menschen.
Entwicklung ist bei allen körperlichen Merkmalen offensichtlich und findet genauso auch als Entwicklung des Verhaltens statt. Verhalten ist allgegenwärtig. Es gehört zum Erscheinungsbild von Tieren und Menschen, genauso wie der Knochenbau oder die Physiologie.
So wie sich Letztere von der Zeugung eines Organismus bis zu seinem Tod entwickeln und verändern, entwickelt und verändert sich auch das Verhalten eines Tiers. Im folgenden Kapitel stellen wir einige wichtige Aspekte der Verhaltensentwicklung der Tiere dar.
Wir sind sicher, dass ein Überblick von Entwicklungsvorgängen bei Tieren hilft, normale und pathologische Vorgänge bei unserer eigenen Art zu verstehen. Da wir an vielen Stellen grundlegende evolutionsbiologische Konzepte berühren, haben wir gelegentlich auch Beispiele gewählt, die nicht direkt das Verhalten von Tieren betreffen.
Nach Nichelmann und Tembrock (1992) umfasst Entwicklung „eine hierarchische Struktur mit drei Ebenen":
• Aktualgenese
• Ontogenese
• Phylogenese
Hierbei umfasst die Aktualgenese die kurzzeitige Entwicklung eines raumzeitlichen Verhaltensmusters eines Individuums. Die Ontogenese beinhaltet die Individualentwicklung von der befruchteten Eizelle zum geschlechtsreifen Individuum. Die Phylogenese hingegen befasst sich mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Organismen und ihrer Verhaltensweisen.
Alle drei Prozesse haben eines gemeinsam: Sie befassen sich mit der Anpassung der Organismen an ihre Umwelt. Entwicklung lässt sich demnach als Wechselwirkung zwischen den Genen und ihrer Umwelt betrachten und mit den Methoden der modernen Ethologie untersuchen.
Die moderne Verhaltensbiologie geht davon aus, dass Verhaltensweisen ebenso der Selektion unterliegen wie alle anderen Eigenschaften eines Organismus. Die Entwicklung von Verhalten ist daher ein dynamischer und interaktiver Prozess.
Er sorgt dafür, dass ein Tier überlebt und sich nach Erreichen der Geschlechtsreife erfolgreich fortpflanzen kann. Die Zuverlässigkeit der Entwicklung hat daher einen hohen Anpassungswert für die Tiere. Individuen, deren Verhaltensrepertoire sie dabei erfolgreicher sein lässt als andere, haben eine höhere evolutive Fitness. Sie hinterlassen mehr Nachkommen als ihre Konkurrenten.
Hierdurch entwickelt sich das erfolgreichere Verhaltensrepertoire auch unter stammesgeschichtlichen Gesichtspunkten. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben und für die jeweilige Generation optimiert.
Um zu erfolgreicher Fortpflanzung zu kommen, muss jedes Tier eine erfolgreiche Verhaltensentwicklung durchlaufen. Es reicht zur Fortpflanzung keineswegs aus, in den Keimdrüsen die entsprechenden Geschlechtszellen bereitzustellen.
Erst wenn diese Gameten unter den richtigen Bedingungen aufeinander treffen können, kann es zur Fortpflanzung kommen (Aktualgenese). Um dies zu erreichen, müssen sich das Tier und seine Verhaltensweisen „richtig" entwickeln (Ontogenese).
Anpassung (adaptation): eine Eigenschaft, die dazu beiträgt, dass ihr Träger eine höhere inklusive Fitness hat als alle anderen Individuen einer Population. Fitness (fitness): ein Maß für die Anzahl der Gene, die ein Individuum in den Gen-Pool der nächsten Generation einbringt. Eine gute Annäherung an dieses Maß ist die Anzahl der Nachkommen.
Die Gesamtfitness (inclusive fitness) besteht aus den Genen, die ein Individuum selbst einbringt (direkte Fitness, direct fitness), also z.B. eigene Nachkommen.
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