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2 Physiologie und Psychosomatik chronischer Schmerzen (S. 29)
Im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten wurde vor wenigen Jahren anlässlich eines Briefings die Frage diskutiert, ob der Staat die Erforschung alternativer Verfahren in der Schmerztherapie – so auch der Akupunktur – zukünftig stärker fördern sollte.
Der Vorsitzende, Senator John Porter, plädierte dafür und argumentierte mit einer eindrücklichen Schilderung seiner Genesung von einem sehr schmerzhaften Rückenleiden (1).
Drei Chirurgen hatten einen Bandscheibenvorfall diagnostiziert und wollten sofort operieren. Porter lehnte ab und kurierte sich selbst. Ruhe und mentale Entspannung brachten ihm innerhalb eines Monats die Heilung.Wen wundert also, dass der Senator danach fest an die Heilkraft der Psyche bei schmerzhaften körperlichen Gebrechen glaubte.
Umgekehrt können Angst und Stress ein Rückenleiden verschlimmern.Auch dafür gibt es schlagende Beispiele. So erinnern Herrmann und Mitarbeiter (1996a) an eine „Epidemie" von so genanntem Weichteil- Rheumatismus, die Mitte August 1956 im belgischen Bergbau nach einer Grubenkatastrophe im Bergwerk Marcinelle ausbrach:
„Die Angst saß den Bergleuten im Nacken (wie der Volksmund sagt) und verursachte durch (…) Muskelverkrampfung die schweren epidemischen Schmerzen."
Muskelschmerzen, so genannte Myalgien oder Fibromyalgien, sind häufig stressbedingt. Denn seelische Anspannung bewirkt Rücken-, Schulter- und Nackenschmerzen, nicht selten aber auch so genannte Spannungskopfschmerzen, die häufig mit Schmerzen der Kiefergelenke („Mandibular joint pain") einhergehen.
Schmerzhafte Myoarthrosen im Kiefergelenk, wie sie durch Parafunktionen der Kiefermuskulatur entstehen können, sind ein gutes Beispiel für psychosomatisches Geschehen. Bei dieser Erkrankung beobachtet man Bruxismus, Hyperkontraktionen der Kaumuskulatur, welche vor allem während des Schlafs auftreten, aber durch langzeitelektromyographische Methoden (2) registriert, also objektiviert werden können (Solberg et al. 1975).
Durch die starken Kontraktionen wird das Kiefergelenk überbeansprucht. Dadurch entstehen oft ausstrahlende chronische Schmerzen im Gesicht, Kopfschmerzen, aber auch Zahnschmerzen und Muskelschmerzen. Gewohnheiten wie nächtliches Zähneknirschen sind nach neueren Erkenntnissen stressbedingt.
Patienten mit myofaszialem Schmerzsyndrom reagieren nämlich auf Stress mit verstärkter Anspannung der Kaumuskulatur (Mercuri et al. 1979), aber umgekehrt erhöhen natürlich die myofaszialen Schmerzen wiederum den Stress, sodass ein Teufelskreis, ein Circulus vitiosus entsteht, bei dem oft nicht klar ist, was Ursache und was Folge ist.
An diesem Krankheitsbild sind offenbar auch psychosoziale Faktoren beteiligt. Denn die Beschwerden, aber auch das nächtliche Zähneknirschen, können nach suggestiver Verabreichung von Plazebos verschwinden. Das Zähneknirschen ist gewissermaßen angelernt bei Menschen, die mit ihren Emotionen nicht richtig umgehen können.
Vielleicht hat man ihnen in der Kindheit beigebracht, bei Schmerzen oder in Stress-Situationen die Zähne zusammenzubeißen. Sie haben, um es bildhaft auszudrücken, gelernt, sich im Leben durchzubeißen, und der Psychologe versucht nun, dieses Verhalten zu korrigieren.
Der Patient soll lernen, weniger – auch im übertragenen Sinn – auf die Zähne zu beißen, also weniger angespannt und „verbissen" zu sein. Dies hilft dann auch bei Spannungskopfschmerzen, die – wie die Schmerzen im Kiefergelenk – dadurch entstehen, dass vegetative Spannungszustände zu verstärkter Anspannung der Muskulatur in Gesicht und Nacken führen.
Myalgien – Teufelskreise des Schmerzes
Muskelschmerzen (Myalgien), die zu den rheumatischen Erkrankungen (Fibromyalgien, Muskelrheuma) gezählt werden, sind recht häufig.Über die Hälfte der Bevölkerung leidet wenigstens einmal im Laufe des Lebens an Schmerzen im Rücken und Nacken (Linton u. Halldén 1998), und ihre Ursache ist meist eine Fibromyalgie, die nicht selten sogar chronisch wird.
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