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Ist Ihre Angst eine Krankheit? (S. 37)
Möglicherweise finden Sie bei den Geschichten des ersten Kapitels Ähnlichkeiten mit Ihrer eigenen Geschichte. Vielleicht sagen Sie sich auch, so schlimm ist es bei mir nicht – und liegen damit richtig. Bis auf eine Geschichte haben die beschriebenen Personen eines gemeinsam: Es werden krankheitswertige Zustände dargestellt, deren Bewältigung den Betroffenen auf Dauer wahrscheinlich nur mit fachlicher Hilfe gelingen kann.
Angst an sich ist kein krankhafter Zustand. Angst ist ein in den meisten Fällen unangenehmes Gefühl, das als solches aber zu unserem Leben und Überleben dazugehört. Das heißt, die weit überwiegende Mehrzahl von Ängsten ist nicht behandlungsbedürftig! In den meisten Situationen, in denen wir Angst erleben, zwingt diese uns zu besonderer Aufmerksamkeit, die dann in aller Regel auch sinnvoll ist.
Teilweise zeigen Ängste auch eine natürliche Unsicherheit in Zeiten an, in denen Veränderungen des bisherigen Lebens anstehen und Menschen zu einer Umorientierung gezwungen sind. Die Geschichte von Frau B. im ersten Kapitel ist hierfür ein gutes Beispiel. Erst wenn Ängste nicht mehr angemessen sind, das alltägliche Leben einschränken und die Betroffenen bzw. ihre nahen Mitmenschen darunter leiden, ist die Frage zu stellen, ob das normale und sinnvolle Maß an Angst, das jeder von uns hat und haben sollte, überschritten ist und es sich um eine krankheitswertige Angst handelt.
Ängste bezogen auf die Partnerschaft und die Familie hat vermutlich jeder erwachsene Mensch schon einmal erlebt. Dies kann sowohl Formen der partnerschaftlichen Beziehungsgestaltung als auch das Miteinander in der Familie betreffen – also so praktische Fragen, wie mit Eifersucht und Seitensprüngen umgegangen werden kann, mit der Befürchtung verlassen zu werden oder mit der Angst, die Kinder nicht so erziehen zu können, dass sie in die Lage versetzt werden, ihr Leben einmal selbst zu meistern. Es kann auch durchaus sinnvoll sein, sich in diesen Fragen Unterstützung zu holen. Je nach Lebensgeschichte und persönlicher Einstellung sind Beratungsstellen und Pfarrämter oder auch Selbsthilfegruppen Adressen, an die man sich wenden kann. Darüber hinaus haben viele Menschen einen Bekannten- und Freundeskreis, der wie bei Frau B. praktische Unterstützung bietet und häufig professionelle Hilfe auch gut ersetzt.
Natürlich können Sie auch zu einer Ärztin oder einem Psychologen gehen. Sofern Sie nicht Privatpatient sind, werden Sie jedoch nur auf Kosten Ihrer Krankenkasse behandelt, wenn Ihre Probleme krankheitswertig sind. Das heißt, der erste Arzt oder die erste Psychologin, mit der Sie über Ihre Ängste sprechen, wird zunächst den Versuch unternehmen, in jeder Lebensgeschichte eines Menschen vorkommende Ängste von solchen mit Krankheitswert zu unterscheiden. Hierbei geht es nicht darum, »echte « Ängste von »unechten« zu trennen oder »bedeutsame« von »unbedeutenden«, sondern es geht um die Frage, was Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach nützt und was Sie aktuell brauchen.
Hierzu möchten wir Sie an die Geschichte von Herrn A. erinnern: Ängste nach traumatischen Erfahrungen sind nicht ungewöhnlich, aber nicht immer und nicht sofort behandlungsbedürftig. Bei vielen Menschen verschwinden die Beschwerden von allein wieder, wenn ihnen direkt nach dem Erlebnis die Möglichkeit gegeben wird, sich darüber auszutauschen und wenn sie soziale Unterstützung von ihnen nahestehenden Menschen erfahren. Nur ein Teil dieser Menschen wird dauerhaft, über einen Zeitraum von einem Vierteljahr hinaus Beschwerden haben, wie sie in der Geschichte von Herrn A. beschrieben sind. Und nur in diesen Fällen ist eine spezifische Behandlung durch Ärzte oder Psychologen sinnvoll.
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