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Die Seele zum Schwingen bringen - Geschichten aus der Musiktherapie

Die Seele zum Schwingen bringen - Geschichten aus der Musiktherapie

von: Eva-Maria Brettschneider, Lutz Debus, Martin Lenz

BALANCE buch + medien verlag, 2008

ISBN: 9783867397216, 140 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 11,90 EUR

Ersparnis: 3,00 EUR

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Die Seele zum Schwingen bringen - Geschichten aus der Musiktherapie


 

Singen und suchen (S. 31)
Florian LUTZ DEBUS
Weil er seine Eltern, Mitschüler und Lehrer biss, landete Florian in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nach drei Monaten wurde der Elfjährige in das Heim aufgenommen. Ich hatte schon von den Fleischwunden gehört, bekam manche Gebissabdrücke auf Unterarmen der Mitarbeiter gezeigt. Er schnappe unvermittelt zu. Ich solle aufpassen.

Florian hatte große braune Augen, die durch seine braune Brille noch größer erschienen. Ganz dünne Ärmchen. Einen riesigen Kopf. Und er sprach, als hätte er eine Hand voll Schrauben im Mund. Er freute sich, mich zu sehen. »Mujiterapi« wiederholte er mein Wort und begann sofort zu singen: »99 Düsenflieger, jeder ist ein großer Krieger«. Kurz darauf: »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt«. All die Lieder, die sein Vater hörte, sang er fast fehlerfrei artikuliert. Dabei ruderte er mit seinen Armen in der Luft, als wolle er sich vor dem Ertrinken retten. Und er strahlte mich an. Ich wurde in unserer ersten Stunde nicht gebissen.

Ein paar Wochen später war er wieder in der Klinik. Er hatte sich mit einem Küchenmesser den linken Unterarm aufgeschlitzt. Mit dem Blut hatte er ein Bild gemalt. Auf der weißen Innenseite seiner Zimmertür erkannten die geschockten Erzieherinnen eine Höhle, einige Gestalten um ein Feuer sitzend. Florian hockte wimmernd vor seinem Bild.

Als er wieder aus der Klinik entlassen wurde, mit noch mehr rosafarbenem Saft zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen, wirkte er müde. Meine Frage nach seinem Befinden beantwortete er nicht. Dann schaffte er einige Plastikkisten von seinem Zimmer in meinen Raum. »Schumifommelei!«, rief er und setzte sich in eine der roten Kisten. In die andere steckte er seine Füße und tatsächlich sah es ein wenig nach Autorennen aus. Ich schnitt aus Pappe vier Kreise aus, befestigte diese mit Klebestreifen an seinen Kisten. Er lachte und klatschte in die Hände und schrie: »Jaaaaaa!« Auch in dieser Stunde wurde ich nicht gebissen.

Mit seinen Leistungen in der Schule ging es aufwärts. Auch seine Ausraster wurden seltener. Florian freundete sich mit einem Mädchen an. Beide hockten stundenlang vor dem grau lackierten Heizkörper im Wohnzimmer, erzählten sich Geschichten, kicherten, lebten wohl in diesen Geschichten von Bob, dem Baumeister, und Bibi, der Hexe. Sie verstanden sich blendend mit ihrem Genuschel.

Florian hatte uns klare Rollen zugewiesen. Ich war der Besitzer einer Lastwagenwerkstatt, er mein Geselle. Er brachte Fotokopien mit. Beschreibungen von LKWs, amerikanischen Trucks, Militärlastwagen aus dem zweiten Weltkrieg, auch Oldtimern. Wir bauten sie alle. Florian gestikulierte wild. In Null-Komma- Nichts hatten wir aus der im Raum befindlichen Luft die stärks - ten Zugmaschinen zusammengeschraubt. Einige Wochen waren wir damit beschäftigt. In keiner der Stunden wurde ich gebissen. Doch Florian, so die Lehrer und Erzieher, ging es wieder schlechter. Manchmal müsse er von drei Mitarbeitern festgehalten werden.

Auch wurden mir wieder seine Gebissabdrücke gezeigt. Ob ich denn einen Rat wisse. In meinem kleinen Zimmer unterm Dach standen nun etwa zwei Dutzend Lastwagen. Florian versteckte sich in ihnen. Draußen, in unserer Werkstatt, schlichen Wölfe umher. »Diemariferti!«, rief er, sprang aus einem LKW und durchlöcherte die Wölfe mit einer Maschinenpistole. Auch warf er Handgranaten.