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Karriere und Hierarchie - Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik

Karriere und Hierarchie - Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik

von: Hans Beck

Akademie Verlag GmbH, 2005

ISBN: 9783050041544, 452 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 59,80 EUR

Ersparnis: 10,00 EUR

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Karriere und Hierarchie - Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik


 

III. Musterkarrieren
Zwischen Regel und Ausnahme. Vorbemerkungen zu den Karrieren ‘großer Männer’
(S. 156-157)

Im ersten Hauptteil wurden die Zusammensetzung der Aristokratie und die Ausdifferenzierung ihrer Rangklassen herausgearbeitet: erstens durch Überlegungen zur Genese der Magistratur und zur Entfaltungsgeschichte des cursus honorum, beides in Wechselwirkung mit der Entwicklung der Aristokratie als geschichteter politischer Klasse, zweitens durch die Analyse von Laufbahngesetzen und -konventionen sowie (damit wiederum eng verbunden) durch die Rekonstruktion von Karrieremustern, und drittens durch prosopographische Beobachtungen zur Rekrutierung von Imperiumsträgern. Im zweiten Hauptteil wird eine Perspektive eingenommen, die die Strukturgeschichte nicht leisten kann. Es geht um die Karrieren einzelner Nobiles – also um Einzelpersonen und ihre individuellen Laufbahnen, um die in ihrer Zeit geltenden Karrierebedingungen und um die jeweiligen Freiräume und Entscheidungsmöglichkeiten, die diese Personen bei der Gestaltung ihres cursus honorum hatten. Der Zugriff macht einerseits die Ergebnisse des ersten Hauptteiles für die Analyse einzelner Adelskarrieren fruchtbar. Andererseits sollen die Fallstudien ihrerseits dazu beitragen, den Blick auf die römische Aristokratie weiter zu schärfen.

Die Biographie führt die Strukturgeschichte nicht einfach aus, sondern sie verhält sich komplementär zu ihr.1 Das gilt um so mehr, wenn der biographische Zugriff auf mehrere Personen einer relativ homogenen politischen Klasse ausgeweitet wird. Die ‘großen Männer’ einer solchen Führungselite stehen immer in einer „bedingt/bedingenden Verknüpfung"2 zu ihrer Umwelt. Einerseits lassen sie sich als Sozialtypen verstehen. Damit sind Figuren gemeint, die die politischen Regeln und Normen ihrer Zeit prägnant verkörpern. Sie sind insofern immer ein Spiegel der Verhältnisse, die sie umgeben. Zum anderen prägen sie durch ihr individuelles Verhalten diese Verhältnisse, und zwar im weiteren Sinn: Sie leben Normen repräsentativ vor und schärfen sie ein. Sie können diese Normen ausdehen oder gar offen gegen sie verstoßen. Und sie erwirken bisweilen Ausnahmen und schaffen Präzedenzfälle, durch die die geltenden Konventionen, Verhaltens- und Akzeptanzmuster eine neue Richtung erhalten.

In aristokratischen Stadtstaatskulturen wie der libera res publica kommt solchen individuellen Verhaltensweisen großes Gewicht zu. Denn die politische Kultur der römischen Republik war durch besondere Verfahren und Bedingungen gekennzeichnet, die von vornherein auf ein hohes Maß an Personenbezogenheit des Regierungsstils angelegt waren, durch die dem Einzelnen also ein besonderer Stellenwert im komplexen Geflecht zwischen Aristokratie und einfachem Volk zukam. Einerseits zeichnete sich die politische Kultur dieser Republik durch die Direktheit, Sichtbarkeit und Hörbarkeit aller Vorgänge aus. Ob an Gerichtstagen, in der Volksversammlung oder bei den Wahlen: Die Angehörigen der senatorischen Führungsschicht traten stets direkt vor das Volk. Und andererseits fand dieses Zusammentreffen immer in denselben öffentlichen Räumen statt: auf dem Forum, im Comitium oder auf dem Marsfeld. In der Regel waren dabei hunderte, oft tausende Bürger anwesend, die den Auftritt eines Nobilis mit eigenen Augen sahen. Doch nicht nur in formalen Sprechsituationen, sondern auch beim alltäglichen Gang übers Forum trafen römische Aristokraten immer direkt auf die einfachen Bürger – nicht nur bei ihrer Bewerbung um die öffentlichen Ämter.

Der biographische Zugriff bewegt sich somit in einem ständigen Spannungsfeld zwischen kollektiven und individuellen Kategorien. Auf der einen Seite stehen die gemeinsamen Kategorien und Rahmenbedingungen des politischen Handelns, auf der anderen die Bündelung dieser Kategorien und ihre Spiegelung im Verhalten individueller Handlungsträger. Mit der Addition solcher Biographien wird im weiteren eine Kollektivbiographie einer politischen Klasse möglich, in der die Regeln und gemeinsamen Elemente politischer Karrieren ebenso sichtbar werden wie individuelle Ambitionen, Abweichungen und Ausnahmen. Für die Fragen nach der Geschichte des cursus honorum und der Hierarchisierung der Aristokratie hat dieses Procedere wichtige Implikationen. Der Versuch, Karrieren und Karrierebilder römischer Aristokraten nachzuzeichnen, muß zunächst von den Vorbedingungen ausgehen, die für den Wettbewerb um die honores und für ihre Aneinanderreihung in Form eines cursus honorum bestanden.