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Die Vernichteten

Die Vernichteten

von: Ursula Poznanski

Loewe Verlag, 2014

ISBN: 9783732001934 , 528 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Die Vernichteten


 

1

Wir sehen sie kaum in der Dunkelheit, sie sind Schatten zwischen dem Flackern der Fackeln. Aber wir hören sie. Ein kühler Wind trägt ihre Stimmen und ihr Lachen bis zu unserem Versteck. Sie denken nicht daran, sich schlafen zu legen.

Die dritte Nacht, der dritte Versuch. Wahrscheinlich der dritte Fehlschlag.

Sandors Hand liegt leicht zwischen meinen Schulterblättern und vermittelt mir das trügerische Gefühl, in Sicherheit zu sein.

»Fünf Scharten«, flüstert er. »Links auf der Ruinenmauer zwei Nachtläufer. Und siehst du die drei, die ständig die Position wechseln? Ich glaube, das sind Messack.«

Ich verenge meine Augen, um Genaueres erkennen zu können. Messack. Fast so grausam wie Schlitzer, nur besser organisiert, heißt es. Die Männer nähern sich dem Schein einer Fackel, einer dreht sein Gesicht in unsere Richtung. Blaue Tätowierungen und rote Narben. Er bleibt stehen, hebt das Kinn und schnüffelt.

Tycho, der zu meiner Linken kauert, wird unruhig. Ich greife nach seiner Hand, er darf keinesfalls etwas Unbedachtes tun. Der Messack kann uns nicht wittern, dafür weht der Wind aus der falschen Richtung. Trotzdem dauert es für meinen Geschmack viel zu lange, bis der Mann seinen Weg fortsetzt, und er tut es auch nur zögernd. Als könnte er unsere Anwesenheit spüren.

Unwillig befreit Tycho seine Hand aus meinem Griff. »Jetzt wäre es günstig«, wispert er, »wenn ich schnell bin.«

Ich packe ihn sofort am Arm. »Auf gar keinen Fall!«

Er spannt die Muskeln an, lockert sie aber gleich wieder. »Du hast leicht reden«, höre ich ihn murmeln. Er sieht mich nicht an, sondern starrt auf die Dornenhecke, die nur gute hundert Schritte entfernt, aber trotzdem unerreichbar ist, jedenfalls für uns. Die Feindclans umschwirren sie, als wüssten sie um ihre Bedeutung.

»Geduld«, sagt Sandor und Tycho seufzt entnervt.

Er ist wie ausgewechselt, seit er von Dhalion erfahren hat. Das Wissen, dass ihm nicht nur von außen, sondern auch von seinem eigenen Körper Gefahr droht, macht ihm heftig zu schaffen und er will diesem Zustand ein Ende setzen, jetzt, sofort. Eigentlich schon seit dem Moment, als ich ihm die Zusammenhänge erklärt habe. Den Grund, warum der Sphärenbund alles daransetzt, uns zu töten. Uns und die anderen, die Dhalion in sich tragen.

Die Hecke war meine Rettung und das könnte sie auch für Tycho sein, wenn die Scharten, Nachtläufer und Messack sich endlich dazu entschließen würden, weiterzuziehen, aber offenbar gefällt ihnen dieser Ort. Die Ruinen hier sind gut erhalten, jedenfalls machen sie nicht den Eindruck, als würden sie beim ersten Windstoß einstürzen. Das gilt auch für die Mauern, zwischen denen wir uns verstecken, und wahrscheinlich müssen wir froh sein, dass noch niemand diesen Platz mit Beschlag belegt hat. Vor allem der Keller ist uns wichtig, denn hier befindet sich einer der Ausgänge aus der Stadt unter der Stadt, diesem labyrinthischen Gewirr von Gängen, Schächten und Kanälen, die Quirins Reich bilden.

Quirin. Ich verbiete mir den Gedanken an ihn sofort. Es ist ein schlechter Zeitpunkt, um wütend zu werden, ich brauche einen klaren Kopf. Wir müssten unser Leben nicht aufs Spiel setzen, um Tycho zu immunisieren, wenn wir das Serum hätten. Doch Quirin hat es uns nicht gegeben und nun ist er wie vom Erdboden verschluckt, selbst Sandor hat ihn seit Tagen nicht gesehen. Er hat ihn zu sich rufen lassen – als Clanfürst ist das sein Recht –, aber Quirin lässt sich nicht blicken.

Die Messack drehen eine weitere Runde. Sie unterhalten sich, doch ich verstehe nicht, was sie sagen.

Tycho stößt mich sachte an. »Wenn sie uns den Rücken zuwenden, schleiche ich hinüber«, wispert er.

»Auf keinen Fall!« Ich verstärke meinen Griff um seinen Arm. »Wir versuchen es morgen noch einmal, irgendwann werden die Prims weiterziehen, das tun sie doch immer.«

Ich spüre, wie Sandor mich von der Seite ansieht, und ich weiß, warum. Ich habe Prims gesagt, das ist mir lange nicht mehr passiert, erst recht nicht, seit ich erfahren habe, dass ich eigentlich zu ihnen gehöre. Ein entführtes Kind, das seiner Mutter von einem Sentinel aus den Armen gerissen wurde.

Aber die Scharten, die Messack und vor allem die Schlitzer entsprechen genau dem, was ich mir früher unter Prims vorgestellt habe. Primitive Wilde.

»Ich weiß, was ich tue«, flüstert Tycho gereizt. »Ich bin schnell und ich bin leise. Lass mich los.«

»Kommt nicht infrage, das ist viel zu –«

In diesem Moment treten Neuankömmlinge ins Licht der Fackeln. Keine Außenbewohner diesmal, sondern Sentinel. Drei rote und zwei farblose. Exekutoren also.

Sofort scharen alle anwesenden Clanmitglieder sich um sie.

»Belohnung für gute Arbeit«, sagt einer der Farblosen. »Wir haben euch Lebensmittel mitgebracht und für den, der uns die interessanteste Beobachtung melden kann, gibt es eine Jacke. Thermostoff, darauf seid ihr doch so scharf.«

Die Clanleute drängen zu der Stelle, wo die roten Sentinel das versprochene Essen verteilen.

Mein Interesse gilt eher den Exekutoren – ist jemand dabei, den ich aus Vienna 2 kenne?

Ihre Gesichter liegen im Schatten, ich höre sie lachen, dann wenden sie sich um und drehen uns den Rücken zu.

Das ist der Moment, in dem mir Tycho entwischt.

Ich zische ihm nicht hinterher, dass er zurückkommen soll, das würde es nur schlimmer machen. Ich habe nicht gut genug aufgepasst, nun ist er da draußen, das ist nicht mehr zu ändern, ich kann nur noch hoffen, dass er wirklich so geschickt ist, wie er glaubt.

Sandor hält mich fest, als hätte er Angst, ich könnte Tycho nachlaufen, er zieht mich sogar ein Stück zurück zum Keller, doch ich schüttle den Kopf. Ich muss sehen, was passiert.

Tycho war immer schon wendig und flink und das stellt er jetzt einmal mehr unter Beweis. Bleibt in den Schatten, gleitet von einer dunklen Stelle zur nächsten und hält zwischendurch immer wieder inne. Falls er Geräusche verursacht, werden sie von den Außenbewohnern, die ums Essen streiten, übertönt.

Die größten Sorgen macht mir sein Haarschopf. So hellblond, dass er fast weiß ist – die denkbar ungünstigste Farbe, wenn man in der Finsternis ungesehen bleiben will.

»He!«, ruft einer der Sentinel und mir bleibt beinahe das Herz stehen, doch er hat nicht Tycho gemeint, sondern einen der Scharten, der mit seinem Messer auf einen Nachtläufer losgehen will. Der Sentinel packt ihn am Kragen, tritt ihm in die Kniekehlen und wirft ihn zu Boden. »Die Dornen könnt ihr abstechen, nicht euch gegenseitig. Idioten.«

Der Scharte zischt etwas zwischen den gebleckten Zähnen hervor, was ihm einen weiteren Tritt des Sentinel einbringt. »Ihr tut, was wir sagen, kapiert? Wir haben eine Abmachung.«

Der Tumult hat Tycho Zeit verschafft. Er ist jetzt an der Hecke, genau da, wo die mit Serum getränkten Dornen sich befinden. Kaum zehn Schritte von den Sentineln und den Männern der Feindclans entfernt. Ich halte die Luft an, als könnten meine Atemgeräusche ihn verraten.

»Beobachtungen!«, ruft einer der Exekutoren. Er hat sich auf einen kniehohen Stein gestellt und hebt die Arme. »Wer hat etwas gesehen, das uns nützlich sein kann?«

»Die Dornen haben an einem Tag drei Wildschweine erlegt«, meldet sich ein Nachtläufer. »Sie haben verdammt viel Glück bei der Jagd.«

Tycho hat sich ein Stück aufgerichtet und einen Unterarm entblößt. Er schiebt ihn in das dichte Geäst der Hecke. Es knackt – höre nur ich das?

»Wildschweine sind uns wirklich egal.« Die Freundlichkeit in der Stimme des Exekutors ist nur oberflächlich, darunter liegt eine deutliche Warnung. Er will nicht plaudern und er will nicht für dumm verkauft werden. »Hat jemand das Mädchen gesehen, das wir euch beschrieben haben? Mittelgroß, langes braunes Haar, grüne Augen. Trägt eine weiße Hose und ein blaues Hemd und könnte in Begleitung eines sehr großen Mannes vom Clan Schwarzdorn sein.«

Allgemeines Schulterzucken, Kopfschütteln.

Mein Herz pumpt viel zu schnell und viel zu stark, ich wusste nicht, dass die Sphären noch so intensiv nach mir und Andris suchen.

Einer der Messack wirft ein, dass er ein Mädchen gesehen hat, mit braunen Haaren und allem. Aber in Felljacke und Lederstiefeln und mit einem kleinen Kind an der Hand. »Ich könnte sie töten und dir ihren Kopf bringen.«

Der Exekutor zuckt mit den Schultern. »Wenn es der richtige Kopf ist, belohnen wir dich natürlich.«

Tycho ist halb in der Hecke verschwunden. Er gibt keinen Laut von sich, aber die Äste bewegen sich. Zu sehr auf eine Stelle begrenzt, als dass man es auf den Wind zurückführen könnte.

»Wer sonst hat noch etwas beobachtet?« Der Exekutor sieht auffordernd in die Runde.

»Sie streiten«, brummt einer der Scharten.

»Was? Wer streitet?«

»Die Dornen. Sie haben einen neuen Fürsten. Einen jungen. Das passt einigen nicht und es hat Kämpfe gegeben …«

Dass es so schlimm ist, hat Sandor mir nicht erzählt. Ich halte meine Augen weiterhin fest auf Tycho gerichtet, der sich Zentimeter für Zentimeter wieder aus der Hecke herausarbeitet und erstarrt, als ein Scharte sich aus der Gruppe löst und auf die Hecke zuschlendert. Mir wird eiskalt. Ist ihm etwas aufgefallen? Er hat ein Messer am Gürtel und einen Speer, den er in einem Ledergurt auf dem Rücken trägt – aber bisher hat er noch keine seiner Waffen gezogen. Tycho duckt sich am Boden und bedeckt seinen hellen Schopf, indem er die Jacke darüberzieht.

Der Scharte bleibt an der Hecke stehen, nur fünf Meter links von der Stelle, an der Tycho kauert. Er macht sich an seinem Hosenschlitz zu schaffen...