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Ohne jede Hoffnung - Thriller

von: Tim Weaver

Goldmann, 2014

ISBN: 9783641144623 , 544 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

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Ohne jede Hoffnung - Thriller


 

1

Die Nacht kam immer schnell. Der Himmel verfärbte sich gelb wie ein alter Bluterguss, und die Sonne sackte in Richtung Wüstenboden. Sie stürzte buchstäblich aus den Wolken herab. Und je tiefer sie fiel, desto rascher veränderte sich der Himmel, bis die Sonne schließlich untergegangen war und nur noch eine rote Wolkenschliere wie Blut über der Mojave-Wüste schwebte.

Etwa zwanzig Minuten später tauchte die Stadtgrenze aus der Dunkelheit auf. Anfangs waren es nur kleine, aus einstöckigen Häusern bestehende Vororte, deren Straßenlaternen zu beiden Seiten des Highways in der Finsternis aufblitzten. Als der Highway 15 dann durch die Southern Highlands schnitt, wurde der Lichtschein greller und beharrlicher. Wohnblocks, Ladenzeilen, gewaltige, von Leuchtreklamen erhellte Brachflächen und der orangefarbene Schimmer von Sodiumlaternen. Und zu guter Letzt kam das Neon: Casinos, Motels und Diner, die sich bis zur Schnellstraße erstreckten. Als ich den Highway an der Abfahrt 36 verließ, sah ich endlich den Strip, gesäumt von funkelnden Monolithen, die sich aus der brettebenen Wüste erhoben wie Sterne auf dem Weg zur Supernova.

Obwohl mich noch ein halber Kilometer vom Parkhaus trennte, wusste ich, dass das Mandala Bay in einer anderen Liga angesiedelt sein würde als das Hotel, in dem ich bei meinem letzten Aufenthalt in Las Vegas gewohnt hatte. Bei meinem ersten Besuch in dieser Stadt vor fünf Jahren hatte die Zeitung das Hotelzimmer reserviert und mich in einer Absteige in der Innenstadt schmachten lassen, die The George hieß. Wie ich später herausfand, war »George« Casino-Slang für jemanden, der gute Trinkgelder gab. Nur dass im The George ausschließlich Obdachlose spielten, die an den Blackjack-Tischen den Mindesteinsatz von fünfundzwanzig Cent riskierten, um genug für eine Flasche Fusel zusammenzukratzen. Als ich diesmal den gemieteten Dodge Stratus in eine Lücke auf dem gewaltigen Parkplatz auf dem Dach rangierte, kam ich an acht Stockwerke hohen Schildern vorbei. Sie warben für eine im Fernsehen übertragene UFC-Kampfsportveranstaltung, die im Januar im Hotel stattfinden sollte. In diesem Moment stand für mich fest, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, selbst ein Zimmer zu buchen. Beim letzten Mal im The George waren die einzigen Schaukämpfe unter Betrunkenen ausgetragen worden.

Ich schaltete die Zündung ab, und als Motor und Radio verstummten, drang das typische Geräusch von Las Vegas ins Auto, ein leises, stetes Brummen, das dem Grollen eines aufziehenden Gewitters ähnelte. In der Ferne, am Himmel nur wegen seiner regelmäßig blinkenden Heckbeleuchtung auszumachen, setzte ein Flugzeug zum Landeanflug auf den McCarran-Flughafen an. Ich saß da und wurde von einem Gefühl der Vertrautheit ergriffen. Wieder war ich in dieser Stadt und hörte die gleichen Geräusche wie vor fünf Jahren. Ich verband viele Erinnerungen mit jenem Besuch. Aber am eindringlichsten waren mir Geräusche und Lichter im Gedächtnis geblieben.

Ich öffnete die Tür des Dodge und stieg aus.

Die Nacht war kühl, doch nicht unangenehm. Ich machte den Kofferraum auf, griff nach meiner Reisetasche und überquerte das Parkdeck. Drinnen im Hotel war es genauso laut wie draußen, da hier anstelle von Autos, Flugzeugen und Videobildschirmen das ständige Pling, Pling, Pling der Spielautomaten lärmte. Während ich an der Rezeption wartete, wurde ich Zeuge, wie ein junges Paar um die zwanzig einander anschrie. Deshalb war ich, als ich endlich den Kartenschlüssel zu meinem Zimmer in der Hand hatte, reif für ein wenig Ruhe – soweit sie das hier überhaupt im Angebot hatten.

Ich duschte, zog mich an, plünderte die Minibar und rief dann Derryn an, um ihr zu sagen, dass ich gut angekommen war. Wir unterhielten uns ein wenig. Anfangs hatte sie sich nur schwer an unser neues Leben an der Westküste gewöhnt. Wir hatten keine Freunde hier, sie hatte keinen Job, und unsere Nachbarn in dem Wohnblock in Santa Monica bildeten eine hermetisch abgeriegelte Gemeinschaft. Doch allmählich änderte sich etwas. Zu Hause hatte sie zwölf Jahre lang als Krankenschwester in der Notaufnahme gearbeitet und dann gekündigt, um mich in die Staaten zu begleiten. Dank ihrer Berufserfahrung hatte sie nun eine befristete Anstellung in einer Praxis, einen Häuserblock entfernt von unserer Wohnung, ergattert. Sie durfte zwar nur Blut abnehmen und den Ärzten beim Verbinden helfen – also ein entspannteres Arbeiten als in London –, doch sie hatte Freude daran. So kam sie wenigstens aus dem Haus, lernte Menschen kennen und verdiente ein wenig Geld. Außerdem hatte sie am Wochenende frei, was hieß, dass sie an den Strand gehen konnte.

»Wirst du unser ganzes Geld verjubeln, Raker?«, fragte sie nach einer Weile.

»Nicht heute Abend. Vielleicht morgen.«

»Kannst du überhaupt Karten spielen?«

»Ich kann Snap.«

Ich wusste, dass sie lächelte. »Ich wäre ja zu gerne eine Fliege an der Wand, wenn du lässig zu einem Blackjack-Tisch schlenderst und so tust, als hättest du eine Ahnung von dem Spiel.«

»Ich habe eine Ahnung von dem Spiel.«

»Du kannst ja nicht einmal Monopoly.«

»Und so spricht mein größter Fan über mich.«

Sie lachte. »Beim nächsten Mal musst du mich mitnehmen.«

»Wird gemacht.«

»Ich würde mir zu gerne mal Vegas anschauen.«

Ich drehte mich auf dem Bett um und blickte aus dem Fenster. Millionen von Lichtern zwinkerten mir durch die Scheibe zu. »Ich weiß. Eines Tages fahren wir zusammen hin, versprochen.«

Um halb zwei Uhr war ich noch immer wach, auch wenn ich den Grund nicht verstand. In der vergangenen Nacht hatte ich bis vier Uhr an einem Artikel gearbeitet. Außerdem war ich nach der Autofahrt aus L. A. hierher total erledigt. Aber ich konnte einfach nicht einschlafen. Irgendwann gab ich es auf, zog mich an und ging nach unten.

Als sich die Aufzugtüren öffneten, war es, als sei die Zeit stehen geblieben: Die Hotelhalle, die Geräusche der Spielautomaten, die Musik aus den Lautsprechern – alles war noch genau so, wie ich es vorhin verlassen hatte. Nur das streitende Pärchen fehlte. Genau das war der Grund, warum im Casino keine Uhren hingen. Tag und Nacht, alles war gleich, so als lebe man in einem zeitlichen Vakuum. Man trat ein, und die innere Uhr wurde abgeschaltet. Ich schaute wieder auf meine Armbanduhr und stellte fest, dass es kurz vor zwei war – doch es hätte genauso gut mitten am Vormittag sein können. Männer und Frauen schlenderten in Trainingsanzügen und Shorts herum, als kämen sie gerade vom Tennisplatz.

Ich steuerte auf eine Bar neben der Hotelhalle zu. Selbst um zehn vor zwei Uhr nachts hatte ich dort jede Menge Gesellschaft: ein Paar über sechzig, eine Frau, die an einem Tisch saß und telefonierte, ein Mann, der sich über einen Laptop beugte, und fünf weitere Männer an einem anderen Tisch, die lautstark über die Bemerkung eines Zechkumpanen lachten. Ich ließ mich auf einem Barhocker nieder, bestellte ein Bier, nahm mir ein paar Erdnüsse aus einer Schale und blätterte eine liegen gebliebene Ausgabe der Las Vegas Sun durch. Die Titelstory war fast mit der identisch, die ich hier recherchieren sollte: Las Vegas, die kugelsichere Stadt. Während einigen Analysten zufolge innerhalb der nächsten zwölf Monate mit einer Rezession zu rechnen war, erwartete Amerikas Hauptstadt des Glücksspiels einen Rekordgewinn von acht Milliarden Dollar.

Etwa zehn Minuten später, inzwischen war ich beim Sportteil, setzte sich ein Mann neben mich an den Tresen und bestellte noch eine Runde. Ich blickte auf, er sah mich an, und dann kehrte er mit einem Tablett voller Schnapsgläser an den Tisch zurück. Im nächsten Moment meldete sich der Anflug einer Erinnerung, und während ich noch versuchte, den Gedanken zu fassen zu kriegen, wurde mir klar, dass ich diesen Mann kannte. Ich drehte mich auf meinem Barhocker um und schaute über die Schulter. Der Mann stellte das Tablett auf den Tisch – und dann wandte er sich ebenfalls zu mir um. Er kennt mich auch. Kurz zögerten wir beide und verharrten am anderen Ende des Raums. Doch dann schien es offenbar bei ihm »klick« zu machen, denn ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und er kam wieder auf mich zu.

»David?«

Sobald er den Mund aufmachte, wusste ich genau, wen ich vor mir hatte: Lee Wilkins. Wir waren zusammen aufgewachsen, hatten im selben Dorf gelebt und dieselbe Schule besucht; dann hatten wir an derselben Oberschule unseren Abschluss gemacht – und seitdem nie wieder ein Wort miteinander gewechselt. Und nun, fast zwanzig Jahre später, stand er vor mir: Anders, als ich ihn im Gedächtnis hatte, aber doch nicht ganz so anders. Im Gesicht und am Bauch hatte er ein wenig zugelegt, sein Schädel war rasiert, und er hatte dunkle Bartstoppeln am Kiefer, aber ansonsten war er noch ganz der Alte – eins siebzig groß, gedrungen und mit einer Narbe links an der Nase, weil er von einem von uns beiden erkletterten Baum gefallen war.

»Lee?«

»Ja!« Sein Lächeln wurde noch breiter, und wir begrüßten einander herzlich. »Das gibt’s doch nicht«, sagte er. »›Irgendwie kommt der mir bekannt vor‹, habe ich mir gedacht, als ich dich gesehen habe, aber ich hätte nie geglaubt …«

»Machst du hier Urlaub?«

»Nein«, erwiderte er und ließ sich auf dem Barhocker neben mir nieder. »Inzwischen wohne ich hier. Ich bin seit zwei Jahren in Vegas, in den Staaten lebe ich seit sieben Jahren.«

»Und was treibst du so?«

»Weißt du noch, dass ich immer...