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5 Die Politik und die Aura des Genies (S. 128-129)
Weber und die Politik
Wie aus Webers Biografie ersichtlich ist, hegte er seit der Jugend ein starkes Interesse fur politisch-soziale Fragen, das ihn beinahe auf eine politische Laufbahn fuhrte. Er vollzog diesen Schritt jedoch nie, da die Wissenschaft ihn schlieslich starker anzog, und weil er in der politischen Welt auf Ablehnung sties. Trotzdem galt Weber zeitlebens als einflussreicher ?politischer Schriftsteller?, der in der Offentlichkeit Stellung zu den wichtigsten Streitfragen bezog und durch seine Beziehungen zu bedeutenden Politikern (Naumann, Jaffe) einen Teil der deutschen Politik mitgestaltete.
Dies bezeugt insbesondere seine spate Lebensphase, in der er an den Beratungen zur Weimarer Verfassung 1918 und den Friedensverhandlungen mit den Alliierten 1919 teilnahm. In seiner politischen Denkart orientierte sich Weber durchgehend an den ?Interessen der deutschen Nation?, wobei er mit der Zeit starker fur die Demokratisierung des Staates eintrat und schlieslich fur die ?Sonderrechte? des Reichsprasidenten pladierte. Diese politischen Einstellungen, die eng an historische Kontingenzen gebunden waren, haben eine lebhafte Auseinandersetzung uber Webers Hang zum Nationalismus, seine Einstellung zur Demokratie und seine Mitverantwortung fur deren Krise im Weimarer Deutschland entfacht (vgl. Kap. 6). Dabei geht es um nichts Geringeres als die Einschatzung von Webers Gesamtwerk sowie um die Frage, ob die ?wertfreie Begriffsbildung? dafur steht, die Soziologie von der Po litik abzusondern oder aber sie den ?Machtinteressen der Nation? unterzuordnen.
In der Antrittsrede von 1895 verfolgt der ?junge Weber? das Ziel, seinen ?subjektiven Standpunkt? bei der Beurteilung volkswirtschaftlicher Erscheinungen zu rechtfertigen (GPS 1 . 25, MWG I/4.2, 535 . 574). Dies soll am Beispiel der Rolle gezeigt werden, die laut Weber ?physische und psychische Rassendifferenzen? der Nationalitaten im okonomischen Kampf ums Dasein spielen. Weber zog daraus Schlusse uber die Aufgaben des Nationalstaats (GPS 2). Eine solche fur den heutigen Leser eher schockierende, rassistisch und sozialdarwinistisch anmutende Aussage war in der damaligen Nationalokonomie alles andere als ungewohnlich. Spater meinte Weber, dieser Denkart fehle die wissenschaftliche Wurde, wie seine Kritik des Rassenbegriffs in Wirtschaft und Gesellschaft belegt (WuG 234 f.).
Dennoch ist in der Antrittsrede dieser wilhelminische Ton unüberhorbar. Sachlich befasst sich Weber in seinem Vortrag mit der Lage der Landarbeiter in Westpreusen und bemuht sich zu erklaren, warum dort der Anteil der deutschen Bevolkerung zuruckging, wahrend der Anteil der polnischen Bevolkerung anstieg. Den Untersuchungen zufolge, die er im Rahmen der Landarbeiter-Enqueten durchfuhrte, lasst sich dies auf die niedrigeren Anspruche der Polen an die Lebenshaltung zuruckfuhren. Zu erklaren bleibt jedoch, warum die deutschen Tagelohner von den Gutern mit produktivem Boden wegzogen. Weber sieht darin das Ergebnis der steigenden Proletarisierung der Arbeitskraft, an die sich die polnischen Wanderarbeiter besser anpassten, wohingegen die deutschen Tagelohner auf der Suche nach Aufstiegsmoglichkeiten in die Grosstadt zogen (GPS 7).
Diese Entwicklung war technisch durch die Einfuhrung des auf Saisonarbeit ausgerichteten Zuckerrubenanbaus verursacht, wirtschaftlich hing sie jedoch mit der Industrialisierung der Landwirtschaft zusammen. Die westpreusischen Junker wurden Geschaftsleute, die niedrigere Lohne zahlten und auslandische Arbeitskrafte bevorzugten, weil diese ihnen ausgeliefert waren. Die ?Auslese im freien Spiel der Krafte ? fallt somit, wie Weber bemerkt, zuungunsten der ökonomisch hoher entwickelten Nationalitaten aus.
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