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Autonomie am Lebensende?

Autonomie am Lebensende?

von: Stefanie Graefe

Campus Verlag, 2008

ISBN: 9783593384320, 334 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 33,90 EUR

Ersparnis: 6,00 EUR

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Autonomie am Lebensende?


 

6. Zur Ökonomie disziplinierender Biomacht (S. 123-125)

Welchen Stellenwert hat nun »Ökonomie« im Zusammenhang mit Biomacht bei Foucault? Prinzipiell stellt er klar: Machtbeziehungen sind ökonomischen Prozessen nicht äußerlich und existieren nicht unabhängig von diesen (Foucault 1978: 111). Zwar hängt der Aufstieg der Biomacht eng mit der Entwicklung des Kapitalismus zusammen (Foucault 2003: 484), doch es wäre zu einfach, diesen Zusammenhang auf das Phänomen der Ausbeutung von menschlicher Arbeitskraft und Lebenszeit zu reduzieren. Die Macht der Ökonomie beruht vielmehr auf einer ihr vorgängigen »politische[ n] Ökonomie des Körpers« (Foucault 1994: 37).

»Politische Ökonomie des Körpers« – das heißt: eine spezifische Rationalität der Machtbeziehungen (vgl. Foucault 1994a: 244). Im Regime der Biomacht setzt sich diese Rationalität in dreierlei Hinsicht ins Werk: einmal, insofern sie – Rationalität der Disziplin – Zeiten, Räume und Tätigkeiten normiert, parzelliert und überwacht. Zweitens, insofern sie – Rationalität des Sex – Menschen über ihren Körper und ihre Sexualität an die Erfüllung der Norm und die Erforschung ihres Selbst bindet. Schließlich, insofern sie – Rationalität der Bevölkerung – Leben, Sterben, Krankheiten und Bewegungen der Gesamtheit der Regierten steuert und reguliert. Die »biopolitische Ökonomie des Körpers« verbindet alle drei Bereiche – zum Beispiel dort, wo Individuen als verantwortliche Subjekte einer »Volksgesundheit « angerufen werden.

In Der Wille zum Wissen spricht Foucault auch von einer »restriktive[n] Ökonomie« des Diskurses über den Sex (Foucault 1991: 28). Damit ist nicht Ökonomie als Produktion von Waren und Akkumulation von Reichtum, sondern sind Machtprozesse gemeint, die in regelmäßiger Form auf Menschen zugreifen und dabei einer bestimmten Systematik oder Logik folgen.137 »Restriktiv« ist diese Ökonomie, insofern sie zwar produktiv im Hinblick auf Disziplinen, Sexualitäten, Subjektivitäten, Normen ( vgl. Foucault 2003: 337), eben darin aber streng geregelt ist.

Die Produktivität der Biomacht ist also nicht frei fließend, sondern zugleich kanalisiert und kanalisierend: eine ebenso ergiebige wie kontrollierte Ökonomie. Foucault löst den Begriff der Ökonomie aus dem mit Arbeit, Warenproduktion und Markt verbundenen Bedeutungsrahmen und erweitert ihn zugleich: Biopolitik ist in dem Sinne ökonomisch, dass sie – im Zusammenhang mit dem Sexualitätsdispositiv zum Beispiel – effizient die Produktion von Erkenntnissen und Subjektivitäten vorantreibt. Sie ist aber auch nicht-ökonomisch, insofern sie auf eine einfache Funktionalität im Sinne der »Steigerung der Arbeitsproduktivität« (Foucault 1991: 148) nicht zu reduzieren ist. In diesem Sinne »entthronisiert« die Biomachtkonzeption die Ökonomie innerhalb der Machtanalytik und erweitert im selben Atemzug den Begriff der Ökonomie um die Dimensionen der Normalisierung, Disziplinierung und Sexualisierung.138 Diese Erweiterung werde ich im Folgenden »Ökonomisierung « nennen und damit von der »Ökonomie« im engeren Sinn unterscheiden.

Foucault grenzt sein Konzept von Ökonomisierung ausdrücklich ab von einem »Ökonomismus in der Theorie der Macht« (Foucault 2003: 224), also von Konzeptionen, die Macht als »Besitz« (einer Klasse, eines Staates) entwerfen oder sie sekundär aus ökonomischen Verhältnissen und Prozessen ableiten (Foucault 2001: 13–36, 2003: 224ff. ). Er plädiert dafür, von der »Unabtrennbarkeit von Ökonomie und Politik« auszugehen, diese aber als »Kräfteverhältnis« zu bestimmen (ebd.: 226).