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Wenn aus Bewunderung Ärger wird (S. 317-318)
Am Anfang einer Beziehung sind es ironischerweise oft gerade die Unterschiede, die Menschen zueinander hinziehen – dass jemand so erfreulich, wunderbar und aufregend anders ist, macht ihn erst richtig interessant. Nach einiger Zeit schlägt die Bewunderung jedoch oft in Ärger um, und manche dieser Unterschiede rufen große Probleme hervor. Solche Probleme gibt es natürlich auch bei Sandra und mir:
Eines Abends kam ich nach zwei oder drei Tagen ohne nennenswerten Kontakt mit unseren Kindern nach Hause. Deshalb war ich ein bisschen schuldbewusst, und dann bin ich immer sehr nachsichtig. Da ich oft weg war, musste Sandra meine Nachsichtigkeit häufig durch besondere Strenge ausgleichen. Ihre Strenge führte dann aber dazu, dass ich noch ein bisschen weicher wurde, was wiederum bewirkte, dass sie noch härter wurde. An jenem Abend ging ich oben an die Treppe und rief: »Jungs, seid ihr da? Wie geht’s denn so?« Einer der kleineren Jungs kam den Flur entlanggerannt, sah mich und brüllte seinem Bruder zu:
»He, Sean, er ist gut gelaunt!« Ich wusste nicht, dass meine Söhne unter Androhung der Todesstrafe im Bett waren. Sie hatten jede erdenkliche Ausrede gefunden, um wieder aufzustehen, weiterzuspielen und herumzualbern. Schließlich war Sandra der Geduldsfaden gerissen und sie hatte sie mit der ausdrücklichen Anweisung, sich ja nicht wieder herauszuwagen, zurück ins Bett geschickt. Dann sahen sie durchs Fenster meine Scheinwerfer, und in ihnen keimte neue Hoffnung. Sie dachten: »Mal sehen, wie Papa gelaunt ist. Wenn er in guter Stimmung ist, können wir aufstehen und noch ein bisschen spielen …«
Als ich ins Haus kam, warteten sie schon gespannt. Die Worte »He, Sean, er ist gut gelaunt!« waren sozusagen ihr Startsignal. Wir fingen an, uns im Wohnzimmer zu balgen, und hatten dabei viel Spaß – bis Sandra hereinkam und mit einer Mischung aus Frustration und Wut rief: »Die Jungs sind ja immer noch auf!« Ich erwiderte schnell: »Ach, in letzter Zeit habe ich doch nicht viel von ihnen zu sehen bekommen. Ich möchte gern noch ein bisschen mit ihnen spielen.«
Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ihr mein Verhalten nicht gefiel, und mir ihres auch nicht. Das Problem war, dass wir in diesem Punkt keine Synergie geschaffen und keine Vereinbarungen geschlossen hatten, mit denen wir bei de leben konnten. Ich war zu sehr das Produkt meiner Stimmungen und Gefühle und war nicht konsequent. Ich zeigte keinen Respekt vor der Tatsache, dass die Jungs schon im Bett waren und dort hätten bleiben sollen. Aber ich hatte sie ja tatsächlich einige Tage nicht gesehen. Außerdem blieb noch die Frage, wie wichtig die Regel für die Schlafenszeiten eigentlich war.
Die Lösung für dieses Problem fanden wir natürlich nicht an Ort und Stelle. Doch letztendlich kamen wir zu dem Schluss, dass die Schlafenszeitenregel für unsere Familie nicht so schrecklich wichtig war. Das, was für viele Familien normale Schlafenszeiten waren, war für uns eine wichtige Familienzeit, die uns Spaß machen sollte. Da ich meist etwas früher ins Bett ging, saßen die Kinder dann vor allem mit Sandra zusammen. Sie unterhielten sich, spielten und lachten. Diese synergetische Lösung war für unsere Familie möglich, weil wir die Unterschiede anerkannten und uns zugestanden, das zu tun, was uns wichtig war.
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