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Scherben

von: Dick Francis

Diogenes, 2014

ISBN: 9783257606096 , 320 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

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Scherben


 

[32] 2

Da das Wychwood Dragon fest in den Händen eines Drachens war, einer Direktorin, die eine Kollektion bunter Glastierchen auf ihrem Frisiertisch stehen hatte und mich gelegentlich einlud, das Bett mit ihr zu teilen, konnte ich dort sozusagen nach Belieben ein und aus gehen. Die Glastierchen waren allerdings eher Trostpflaster als Trophäen, denn bei den dreißig Jahren Altersunterschied zwischen uns hatte sie zum Glück Verständnis dafür, wenn ich nein sagte. Ihre Gewohnheit, mich vor allen Leuten »Liebster« zu nennen, war trotzdem peinlich, und ich wußte, daß in Broadway weithin angenommen wurde, sie verspeise mich mit Rührei zum Frühstück.

Jedenfalls hatte niemand etwas dagegen, daß ich in Lloyd Baxters Zimmer schlief. Am anderen Morgen packte ich seine Sachen zusammen, erklärte alles dem Drachen und bat ihn, das Gepäck ins Krankenhaus zu schicken. Dann ging ich in meine Werkstatt hinüber, doch so lebhaft ich Martins Bild auch im Kopf hatte, er weigerte sich, in Glas Gestalt anzunehmen. Eingebungen kommen nach ihrer eigenen Uhr, und ich hatte oft die Erfahrung gemacht, daß sie sich nicht zwingen ließen.

Das Feuer toste im Ofen. Ich setzte mich an die Werkbank, einen Tisch aus rostfreiem Stahl, auf dem ich jetzt [33] Flüssigglasklumpen in unvergängliche Form hatte bringen wollen, und sah nur den lebenden Martin in Natur vor mir, Martin, wie er lachte und Rennen gewann, und dachte an Martins verlorengegangene Nachricht auf der Videokassette. Wo war diese Kassette, was war darauf, und wem war sie wichtig genug, um sie zu stehlen?

Diese unergiebigen Gedanken wurden durch die Türglocke unterbrochen. Es war erst neun, und wir hatten angekündigt, es sei ab zehn geöffnet.

Vor der Tür stand kein mir bekannter Kunde, sondern eine junge Frau in einem weiten Schlabberpullover, der ihr bis zu den Knien ging, mit einer Baseballmütze auf dem rotblond gefärbten und gesträhnten Strubbelkopf. Wir schauten uns interessiert an, ihre braunen Augen waren lebhaft und neugierig, ihr Kinn in rhythmischer Bewegung dank eines Kaugummis.

Ich sagte höflich: »Guten Morgen.«

»Ja, genau.« Sie lachte. »Frohes neues Jahrtausend und den ganzen Quatsch. Sind Sie Gerard Logan?«

Ihr Akzent war Estuary, Essex oder Themse: mußte man abwarten.

»Logan«, nickte ich. »Und Sie?«

»Kriminalkommissarin Dodd.«

Ich blinzelte. »Zivilfahndung?«

»Lachen Sie nur«, sagte sie, intensiv kauend. »Sie haben heute früh um halb eins einen Diebstahl gemeldet. Darf ich reinkommen?«

Sie trat in die hell erleuchtete Galerie und fing Feuer.

Aus Gewohnheit setzte ich sie geistig in Glas um, Gefühl und Licht gebündelt zu einer abstrakten Form, [34] genau der instinktive Vorgang, der mir bei Martin nicht gelungen war.

Kriminalkommissarin Dodd, die davon nichts mitbekam, präsentierte nüchtern ihren Dienstausweis, der sie in Uniform zeigte und mir ihren Vornamen verriet, Catherine. Ich gab ihr den Ausweis zurück und beantwortete ihre Fragen, doch die Ansicht der Polizei stand bereits fest. Zu dumm, daß ich eine Tasche voller Geld hatte herumstehen lassen, meinte sie. Wer machte denn so was? Und Videokassetten gab es im Dutzend billiger. Die steckte man ein, ohne groß nachzudenken.

»Was war denn drauf?« fragte sie, den Stift schreibbereit überm Notizblock.

»Ich habe keine Ahnung.« Ich erklärte ihr, wie das in braunes Papier eingeschlagene Päckchen in meinen Besitz gekommen war.

»Pornografie. Mit Sicherheit.« Ein weltmüdes Urteil, kurz und bündig ausgesprochen. »Anonym.« Sie zuckte die Achseln. »Würden Sie sie unter anderen Videokassetten herauskennen, wenn Sie sie noch mal sehen?«

»Sie war unbeschriftet.«

Ich langte in den Papierkorb und gab ihr das zerknüllte und zerrissene Einwickelpapier. »Das ist so für mich abgegeben worden«, sagte ich. »Ohne Briefmarke.«

Skeptischen Blickes nahm sie das Papier, verschloß es in eine Plastiktüte, ließ mich auf dem Clip unterschreiben und stopfte es irgendwo unter ihren superweiten Pullover.

Meine Antwort auf ihre Frage nach dem gestohlenen Betrag ließ sie zwar ihre Augenbrauen hochziehen, doch sie nahm offensichtlich an, ich würde die Segeltuchtasche und [35] das kleine Vermögen darin nie wiedersehen. Schecks und Kreditkartenbelege hatte ich natürlich noch, aber die Touristen unter meinen Kunden zahlten meistens bar.

Ich erzählte ihr von Lloyd Baxter und seinem epileptischen Anfall. »Vielleicht hat er den Dieb gesehen«, sagte ich.

Sie runzelte die Stirn. »Vielleicht ist er der Dieb. Könnte er den Anfall simuliert haben?«

»Die Sanitäter waren anscheinend nicht der Meinung.«

Sie seufzte. »Wie lange waren Sie denn draußen auf der Straße?«

»Glockenläuten, ›Auld Lang Syne‹, frohes neues Jahrtausend…«

»Eine knappe halbe Stunde?« Sie sah auf ihren Notizblock. »Um 0 Uhr 27 haben Sie den Rettungsdienst verständigt.«

Sie schlenderte durch den Verkaufsraum, betrachtete die bunten kleinen Vasen, die Clowns, Segelboote, Fische und Pferde. Sie nahm einen Engel mit Heiligenschein in die Hand und stieß sich an dem Preisschild unter seinen Füßen. Ihre rote Mähne fiel nach vorn, rahmte das aufmerksame Gesicht ein, und wieder war der scharfe Verstand hinter der saloppen Staffage für mich deutlich zu erkennen. Sie war Polizeibeamtin durch und durch, nicht so sehr eine Schmeichelkatze.

Entschieden stellte sie den Engel wieder ins Regal, klappte ihren Notizblock zu, steckte ihn weg und zeigte mit ihrer Körpersprache an, daß die Unterredung trotz fehlender Ergebnisse damit zu Ende war. Die diensttuende Kriminalkommissarin Dodd schickte sich an, auf die Straße zu gehen.

[36] »Warum?« fragte ich.

»Warum was?« Sie konzentrierte sich auf den Rollenwechsel.

»Warum der zu große Pullover und die Baseballmütze?«

Sie blitzte mich mit amüsierten Augen an und wandte sich wieder der Außenwelt zu. »Sie sind zufällig in meinem Revier beraubt worden. Ich bin auf eine Autoknackerbande angesetzt, die hier um Broadway herum an Feiertagen Autos stiehlt. Danke, daß Sie mir Ihre Zeit geopfert haben.«

Sie grinste vergnügt und schlurfte die Straße hinunter, blieb aber bei einem Mann stehen, der wie ein Obdachloser aussah und zusammengekauert in einem Ladeneingang saß.

Schade, daß das Blumenkind und der Penner nicht um Mitternacht auf Autoknackerstreife waren, dachte ich bei mir und rief im Krankenhaus an, um zu hören, wie es Baxter ging.

Bei Bewußtsein und brummig war er, wenn ich es recht verstand. Ich ließ ihm schöne Grüße bestellen.

Dann war es Zeit für Bon-Bon.

»Aber Gerard«, jammerte sie mir unglücklich ins Ohr, »mit keinem Wort habe ich Priam gesagt, daß er dich nicht mitbringen soll. Wie kannst du so etwas nur glauben? Dich hätte Martin als erstes hier haben wollen. Bitte, bitte komm, sobald du kannst, die Kinder heulen, und alles ist furchtbar.« Sie holte zittrig Atem, das Weinen verzerrte ihre Stimme. »Wir wollten auf eine Silvesterfeier… und die Babysitterin war da und sagte, sie hätte gern den vollen Lohn, auch wenn Martin tot sei, kannst du dir das vorstellen? Und von Priam mußte ich mir anhören, wie schwierig es ist, [37] mitten in der Saison einen neuen Jockey aufzutreiben. Der alte Narr, andauernd hat er mich getätschelt…«

»Er war sehr aufgewühlt«, versicherte ich ihr. »Er mußte weinen.«

»Priam?«

Ich dachte stirnrunzelnd zurück, aber es kam mir nicht so vor, als sei das Weinen unecht gewesen.

»Wie lange ist er geblieben?« fragte ich.

»Geblieben? Nicht lange. Zehn Minuten oder eine Viertelstunde vielleicht. Meine Mutter hat uns heimgesucht, als er da war, und du kennst sie, du weißt, wie sie ist. Priam hat meist nur mit Martin zusammengesteckt. Er meinte dauernd, er müsse rechtzeitig zur Stallkontrolle daheim sein, er konnte nicht stillsitzen.« Bon-Bons Verzweiflung schwappte über. »Kannst du nicht kommen? Bitte komm doch vorbei. Allein werde ich mit meiner Mutter nicht fertig.«

»Laß mich nur eine Sache noch erledigen, dann schau ich, wie ich hinkomme. Sagen wir… gegen Mittag.«

»Stimmt, du hast ja kein Auto. Wo bist du? Zu Hause?«

»Ich bin in meiner Werkstatt.«

»Dann komme ich dich holen.«

»Nein. Füll du erst mal deine Mama mit Gin ab und laß die Kinder auf sie los, dann schließ dich in Martins Zimmer ein und schau dir die Videos von Martins drei Siegen im Grand National an, bloß fahr in deinem Zustand kein Auto. Ich finde schon was, aber wenn alle Stricke reißen, können wir deine bemerkenswerte Mutter vielleicht überreden, daß sie mir Worthington und den Rolls schickt.«

Der vielseitig begabte Chauffeur von Bon-Bons Mutter [38] verdrehte zwar oft die Augen über Marigolds ausgefallene Wünsche, aber er hatte schon einen offenen Landrover nachts mit flammenden Scheinwerfern über die Felder gejagt, während seine Brotgeberin hinter ihm mit einer Schrotflinte verdutzte Karnickel aufs Korn nahm. Martin sagte, es sei ein Anblick zum Fürchten gewesen, aber Worthington und Marigold hätten vierzig Langohren zur Strecke gebracht und ihr Land von einer gefräßigen Plage befreit.

Worthington, fünfzig und kahlköpfig, war eher ein Erlebnis als ein letzter Ausweg.

Am Neujahrstag 2000 blieb in England praktisch alles stehen und liegen. Einer der besten Renntage der ganzen Hindernissaison mußte ausfallen, weil das Totopersonal an diesem Samstag zu Hause bleiben wollte. Es gab...