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3.1.1. Reale Emotionen und emotionale Selbsttäuschungen (S. 90)
Die Frage nach der Gegebenheit der Emotionen im Erleben impliziert eine erste Unterscheidung zwischen realen Emotionen und emotionalen Selbsttäuschungen, also Fällen, in denen wir uns über eine Emotion täuschen oder uns sogar eine Emotion einbilden. Dies verlangt die Entwicklung von Kriterien für die Realität der Emotionen und eine Annäherung an das Feld der emotionalen Selbsttäuschungen. Der systematischen Behandlung dieser Frage gilt, ausgehend von frühphänomenologischen Thesen, meine besondere Aufmerksamkeit, denn in der heutigen Literatur wird die Frage nach der Realität oft mit der Frage nach der Echtheit der Emotionen vermischt, und ich möchte beide Phänomene streng unterscheiden.
Die Frühphänomenologen vertreten die These, dass die Emotionen „psychische Realität" besitzen und dass diese psychische Realität als „Widerstand und Wirksamkeit" innerhalb eines psychischen Zusammenhanges zu verstehen ist. Wenn man Liebe oder Hass, Hingabe oder Reue erlebt, dann hat man demzufolge nicht bloß ein Erlebnis der Liebe oder des Hasses, der Hingabe oder der Reue, sondern es geschieht etwas Reales. Eine Emotion zu erleben, ist dann nicht dasselbe, wie eine Emotion zu haben. Das eröffnet ein Feld von Möglichkeiten, das ich schon im vorangegangenen Kapitel umrissen habe. So ist es möglich, eine Emotion anders zu erleben, als wir sie tatsächlich haben (emotionale Täuschungen), oder eine Emotion zu erleben, ohne sie tatsächlich zu haben (Scheinemotionen), oder eine Emotion zu haben, ohne sie zu erleben (untererlebte Emotionen). Die Möglichkeiten der Gegebenheit der Emotionen sollen nun behandelt werden, doch ist zunächst die Frage zu klären, was reale Emotionen im Sinne von „Widerstand und Wirksamkeit" sind. Die Frage führt zur Entwicklung einiger Kriterien für die Realität einer Emotion, die ich hier zusammen präsentiere, die jedoch im Laufe der Arbeit je für sich zu entwickeln sind. Folgende fünf Kriterien muss eine Emotion erfüllen, um real zu sein:
1) Es ist eine Tatsache, dass ich mich nicht ekeln kann, wenn ich nicht etwas wahrgenommen habe, ich jemanden nicht verachten kann, wenn ich nicht bestimmte Urteile über die Person gefällt habe, ich mich nicht vor einem Monster fürchten kann, wenn ich dieses nicht phantasiert habe, ich nicht vermissen kann, wenn ich keine Erinnerung habe. Das deutet auf ein Charakteristikum der realen Emotionen hin: Sie werden stets in spezifischen Verbindungen mit anderen psychischen Elementen wie etwa Urteilen, Wahrnehmungen, Vorstellungen usw. auftreten, die ihnen als Grundlage dienen. Diese Grundlagen sind die kognitive Basis der Emotionen.
2) Da die psychischen Elemente in solche Konstellationen eingewoben sind, können sie einen Widerstand bilden gegen jeden Versuch, sie mit Absicht auszuschalten oder umzuändern. Wenn ich etwa versuche, einen realen Hass gegen eine Person auszuschalten, so treten die Urteile, die Einstellungen und Erinnerungen, die ich im Zusammenhang mit diesem Hass in Bezug auf die Person habe, weiter auf, und es ist schwierig, den Hass tatsächlich zu überwinden. Reale Emotionen zeigen sich insofern widerständig gegen Versuche, sie abzubauen, und besitzen manchmal sogar eine eigene „Trägheit", die sie weiterexistieren lässt, auch wenn die Basis der Emotion schon nicht mehr vorhanden ist.
3) Mit diesem Widerstand realer Emotionen hängt auch ein leibliches Element zusammen, nämlich die Tatsache, dass ich den Hass am Leib fühle, auch wenn ich ihn nicht fühlen will und er mir unangenehm ist.
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